Der Traum ist (noch nicht) aus

Hin und wieder mal die Augen schließen. Ab und an mal den einen Gedanken treiben lassen. Ihn ausufern und sich neu verzweigen lassen. Den Inbegriff der Freiheit leben lassen. 

Der Besuch meines Elternhauses am heutigen Tag, er war geplant, überraschte mich auf eine sehr angenehme weise. Niemand da. Die Nachbarschaft ruhig, nur etwa ein Auto alle 20 Minuten. Der Geruch, der mich beim betreten des Hauses umarmte, roch so vertraut und doch inzwischen ein wenig fremd. Viele Jahre wohne ich in dem Haus schon nicht mehr, Jahren in denen sich Bewohner, Tagesabläufe und eben auch Gerüche verändert haben.

Nur ich, der Duft aus Pflanzen, Waschmittel und den letzten Geruchsspuren einer zubereiteten Mahlzeit. Ich lege ab, gehe im Erdgeschoss durch jeden Raum. Keine Ahnung wann ich das zuletzt tat. Früher sah hier alles anders aus. Ich rufe die Bilder in meinem Kopf ab. Erinnere mich an fast alles. Habe einiges leider vergessen – es schmerzt mich ein wenig. Ich wärme mir eine Mahlzeit auf. Kartoffeln, Bohnen und eine selbstgemachte Frikadelle (mir egal wie die Dinger in anderen Teilen der Welt heißen).

Aufgewärmtes Essen, wie früher. Ich sehe mich aus der Schule kommen, das Haus betreten. Meine Mutter steht von der Couch auf fragt nach der Anzahl der Kartoffeln. Ich schnaufe, nenne ihr eine Zahl. Bekomme wenig später mein Essen, wir erzählen uns vom Tag. Ich werde satt, lobe meine Mutter für das leckere Essen und mache mich daran meine Hausaufgaben zu erledigen.

Während ich mich heute im Wohnzimmer, in dem ich essend sitze, umsehe fallen mir die vielen kleinen und große Veränderungen auf. Hier ein anderes Bild, dort ein anderes Glas und die Couch auf der ich sitze hat nichts mehr mit der aus meiner Kindheit gemein. Es fehlen Dinge, kleine Gebrauchsgegenstände, die heute nicht mehr vermisst werden, denn die Personen die sie vermissen würden, werden heute selbst vermisst.

Ich nehme mir einen Stuhl, ein Bier, meine Kippen und setze mich auf die Terrasse. Ich sehe in den Garten hinaus. Ich zünde mir eine Zigarette an, genieße den Wind auf warmer Haut. Gelegentlich vernehme ich das Lachen meiner Mutter, die 3 Häuser weiter auf einer Geburtstagsfeier vielleicht ihr erstes, vielleicht auch schon ihr zweites Glas Sekt getrunken hat. Es sei ihr gegönnt.

Als kleines Kind spielte ich in genau dem Garten auf den ich jetzt entspannt schaue. Später mähte ich den Rasen und einige Zeit später holte ich in jenem Garten einen Baumstumpf samt einiger Wurzeln aus dem Boden. Ich habe in diesem Garten meine ersten Schritte gemacht, bin das erste mal hingefallen, hab sparsam geguckt und bin dann wieder aufgestanden. Einfach so. (So erzählt man es sich) Ich habe in einer Sandkiste gespielt, habe meine ersten Versuche beim Tischtennis gemacht, das erste mal gegen einen Ball getreten, habe mitgeholfen die Sandkiste ab zu bauen.

Jetzt nippe ich am Bier, sehe die Blätter sich vom Wind in Bewegung versetzen, illusioniere mich als kleinen Knirps in diese Szenerie und schließe die Augen. Ich träume von lautem Lachen, einer böse schauenden Mutter wegen eben diesem, denke an große Familienfeste. Heute sind es nur noch kleine, aber gelacht wird immer noch viel, auch wenn uns viele Lachende fehlen mögen. Ich bin sicherlich nicht mehr der Mensch, der sich heute in einen Sandkasten setzen würde, aber gerade sitze ich, wie ein Auto brummend, am Rande eines solchen Kastens. Ich fahre ein Spielzeugauto über eine, mit Baggermatsch, glatt gestrichenen noch etwas feuchten Straße. Die Latzhose hat schon bessere Tage gesehen, aber es ist meine Spielhose, die darf und muss so aussehen.

Ich habe mir in diesem Sandkasten ganze (un)mögliche Welten und Szenen erdacht. Ich träumte mit den Schmetterlingen fliegen zu können, dass Bienen nicht stechen und ich einen Elefanten, oder einen Tiger, oder einen Löwen, oder ein Pferd als Haustier haben darf/kann. Es gab keine Grenzen, denn ich kannte weder Physik, noch Geld, oder Biologie und auch mit dem räumlichen hatte ich es wohl nicht so. (Wie parke ich den Elefanten in der Garage? Längs, oder doch eher quer….hochkannt?)

Seit einigen Jahren spielt eine neue Generation auf dem Rasen, rennt lachend und weinend, oft auch träumend durch das Haus, das solang es steht mein Elternhaus bleiben wird. Heute lachen und schimpfen andere Eltern.

Die Nachbarn kommen nach hause. Laute Musik aus dem Auto. Der Traum ist erst einmal aus. Ich war dann mal 2 Stunden weg. Weg von Seehofer, Faschisten, einer Weltmeisterschaft, Sorgen, Nöten, vom Jetzt, von mir. Ich werde wiederkommen….bald.

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