Meine kleine Reise

Am heutigen Tag entschied ich mich zu einer kleinen Reise. Ich buchte keinen Flug, bestieg keinen Zug und fuhr auch nicht mit einem Auto. Ich ging zu Fuß. Nur einige Meter. Keinen Powerwalk, kein Joggen, ich schlenderte. Ich ging langsam, einen Schritt nach dem anderen in einem schönen ruhigen Natuschutzgebiet. Ich sah kein Auto, ich hörte keinen Baulärm und ich fühlte keine klebrigen Haltestangen eines Busses der Verkehrsbetriebe.

Ich gebe zu, nach einigen Metern setzte ich mich auf eine Bank. Ich war nicht erschöpft, ich spürte die erste Entspannung. Aus meinen Ohrstöpseln klang der gute alte Ludwig van. Es muss nicht immer Ska, Punkrock oder Hardcore sein. Nicht für mich. Ich saß also auf dieser Bank, atmete tief ein und aus…und wieder ein…aus….ein….aus. Ich machte das einige male, ich machte es bewusst. Es hatte etwas meditatives. Ich spürte jeden Atemzug sehr real Nach intensiver Beobachtung meiner Umgebung und einer nicht representativen Schätzung der, vielleicht noch auftretenden, menschlichen Population reifte in mir der Gedanke diese Parkbank, diesen Weg zu verlassen und eine Runde um den, vor mir liegenden See, zu gehen. Meine Reise hatte begonnen und nun wollte ich nicht mehr zurück. Ein zunächst staubiger Weg, eine leichte Brise und ich. Vor mir weder Mensch noch Tier, hinter mir kein Mensch, kein Tier. Nicht einmal eine Ente war zu sehen. Es hatte etwas pulsreduzierendes. Meine Gedanken verloren sich im Tanz der Blätter an den Bäumen. Es war in Ordnung, es fühlte sich richtig an, nicht auf die Zeit zu achten. Mein Mobiltelefon war längst auf „Flugmodus“, die Musik hatte ich leiser gestellt. Ich hörte das rauschen aus den Bäumen, entferntes Kinderlachen und hier und da ein Hund der bellte.

Meine Gedanken kreisten um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ging um die Welt, meine Freunde, meine Familie und natürlich mich. Was habe ich getan, was tue ich gerade und was werde ich demnächst tun? Unaufgeregt ging ich Schritt für Schritt und atmete.

Ich beobachtete irgendwann diese eine Ente, sie lag schlafend auf einer Wiese, dann sah ich einen älteren Mann der wohl Qui Gong oder so etwas machte. Da lag diese schlafende Ente, da war also dieser ältere Mann, der seine Bewegungen in aller Ruhe machte. Ich setzte mich und sah auf den, sich langsam aber stetig bewegenden Mann. Die Situation strahlte soviel Ruhe und Kraft aus. Arme kreisten, Hände formten sich, die Beine sich vorsichtig dazu bewegend. ….und dann schlief 5 Meter entfernt diese eine Ente. In sich ruhend, entspannt, so friedlich. Ich stellte mir vor das sie zu den Bewegungen des Mannes eingeschlafen ist, ich könnte es jedenfalls verstehen.

Um die Situation nicht aufdringlich zu stören ging ich nach einigen Minuten weiter. Ich muss auch jetzt, 3 Stunden nach dem ich Zeuge dieser wunderbaren Situation wurde, noch immer daran denken. Wie oft fehlt uns Menschen die Ruhe, wie oft nehmen wir uns, können wir uns die Zeit nehmen so etwas zu erleben, oder gar selbst danach zu streben? Ein lieber Freund sagte mir vor einigen Wochen er habe die ersten blühenden Blumen bewusst gesehen. Sie hätten ihn glücklich gemacht. Ich konnte ihn damals nicht so recht verstehen, doch heute empfand ich genauso. Ich habe etwas bewusst, nicht in Hast, nicht mal eben so im Vorbeigehen gesehen. Ich habe mit meiner ganzen Aufmerksamkeit etwas erleben dürfen das mich, auch wenn es nur für Sekunden gewesen ist, so einiges vergessen ließ.

Ich dachte während der nächsten…ich kann nicht sagen wie viele Minuten, denn ich schaute nicht auf die Uhr, ich weigerte mich. Ich wollte mich dem Diktat der Zeit nicht unterwerfen. Keine Uhr der Welt sollte mir sagen dürfen wie lange ich an etwas denke, oder eben nicht, nur um in der nächsten Sekunde klar zu machen das die Zeit vorbei ist und ich gefälligst wieder an morgen, übermorgen, oder nächste Woche denken solle.

Ich ließ mich inzwischen von Joggern überholen, ertrug die Blicke vereinzelt entgegen kommender Menschen und atmete. Ich habe das Gefühl ich habe so viele Schritte, so viele Bäume, so viele Staubwölkchen lang nur geatmet. Ich war leer, eine Zeit lang war ich richtig leer. Ich kann es nicht genau bestimmen, aber es muss Wochen her sein als ich das letzte mal so fühlte. Es ist doch eigentlich immer was, oder? Was kaufe ich morgen ein, was braucht xy noch für ihre Party? Wann wollte ich nochmal dies oder jenes tun? Warum kann ich mich nicht mit Person xy treffen, was hatte ich da nochmal vor? Mist. Ja, es ist Mist, recht großer Mist.

Fast unbemerkt von mir stand und steht am Rande des Wegs ein „Kunstwerk“. Ich habe vergessen welchen Namen es trägt, oder welchen Nutzen es haben soll. Es ist wohl einfach nur Kunst. Ich bleibe stehen und betrachte drei Betonblöcke, zwei liegend einer stehend. Es hat etwas von mahnendem Weltkriegsüberbleibsel. Angeblich stehen die Blöcke seit der Jahrtausendwende. Sie haben Wetter, Urin, Pilz- und Pflanzenbefall getrotzt. Ich frage mich wozu, schüttle mit dem Kopf und drehe mich weg. So lange stehen/liegen diese Blöcke hier schon, sicherlich von vielen unbemerkt. Aufgestellt, vielleicht mit feierlicher Zeremonie, bestimmt zu einem bestimmten Zweck, allein ich kann ihn nicht erkennen. Muss ich ja auch nicht. Zwingt mich niemand zu. Es kann niemand von mir verlangen andere Dinge zu durchschauen, sie zu begutachten und für „toll“ zu befinden. Ich muss sie nicht einmal mögen, aber sie deshalb kaputt hauen muss ich sie auch nicht. Sicherlich gibt es andere Menschen die Dinge durchschauen, schätzen und so richtig toll finden. Darf ich denen das einfach so wegnehmen? Darf ich, nur weil ich etwas nicht verstehe, es gleich blöd finden? Steht mir zu. Doch es gleich verteufeln und kaputt machen? Es ist zu einfach, es ist asozial. Ich nehme anderen Menschen, Menschen die es vielleicht gut, toll, wertvoll finden, weg nur weil es mir nicht passt.

Die Betonbrocken haben zumindest eines geschafft, ich war wieder nachdenklich. Ich dachte über die Gesellschaft nach in der ich lebe, ich überlegte Lösungen und war mir doch sicher keine zu finden. Nicht in den nächsten….was weiß ich. Die Uhrzeit interessierte mich immer noch nicht. Schon eher der große Hund der an meinem Bein schnüffelte und dann doch desinteressiert wieder Richtung Frauchen verschwand. An mir geschnuppert und für langweilig befunden, oder wie durfte ich das verstehen? Ich musste schmunzeln, ich muss es jetzt wieder. Langweilig oder nicht, ich hatte das Interesse eines Lebewesens geweckt und sei es nur durch meine Anwesenheit. Keine große Leistung und doch ist es der erste Schritt zum Kennenlernen eines Lebewesens. Ich war da, Hund war da. Mehr nicht, keine große Arbeit. Es ist in Ordnung. Viel zu oft sehe ich in menschliche Gesichter und fühle nichts. Regungslos nehme ich war und werde war genommen. Leere Hüllen die nebeneinander her leben. Sicherlich wird niemand von uns auf die Idee kommen einem anderen Menschen am Bein oder ganz wo anders zu schnüffeln….und doch hat dieser tierische Instinkt was. Kann ich jemanden riechen oder nicht? Fragt euch das mal. Ein netter Mensch, ihr kommt richtig gut mit der Person klar, doch was sagt euch euer Geruchssinn?

Während ich dies gerade schrieb ist mir wieder eingefallen, dass egal welchem Menschen ich heute begegnete, er/sie/es sich in eine „schützende“ Dufthülle eingeschlossen hat. Wie viele Parfumflakons braucht es für eine morgendliche Dusche? Es ist das wohl einzig negative das mir heute auffiel. Es wird mir immer und immer wieder auffallen, ich kenne doch meine Nase.

Ich nahm galant die nächste Kurve. Ein Trupp Rentner. Eine Horde Enten. Ein Trupp Rentner folgte einer Horde Enten mit nicht identifizierbaren Lauten. Ich glaube die Enten flüchteten. Ich kann es gut verstehen. Erinnerungen an meine Oma, die mich gerne mal in die Wange kniff, wurden wach. Sie starb vor vielen Jahren, wie viele Wegbegleiter meines Lebens. In meiner Traurigkeit denke ich an Familienmitglieder, Freunde, Bekannte. Sie sind verstorben und doch bin ich froh das ich sie noch immer bei mir habe. Ich denke des öfteren zurück an sorglose Tag, oft an nur einen einzelnen Moment. Gerne erinnere ich mich an Zweisamkeiten, Streits, Umarmungen oder Unterhaltungen. Ich musste mir, wo ich hier im Schatten stand, eingestehen, ich tue es zu selten. Die Gegenwart hält meine Erinnerungen zu oft im Würgegriff. Ob die Zukunft es auch tun wird?

Schon an den Rentnern und den gejagten Enten vorbei stand ich nun an einer Weggabelung. Ich hatte die Wahl. Würde ich nach links gehen, ich könnte noch eine Runde drehen, könnte ich zurück, könnte mehr suchen, würde vielleicht mehr finden. Ich atmete ein….aus….ein….aus….ich war immer noch entspannt, war bewusst bei mir. Ich ging nach rechts, ging zurück. Vorbei an einer leeren Schule, Spaziergängern, hin zu hastenden Menschen. Schaute auf meine Füße, streifte mit meiner Hand einen Busch und dachte mir….

Ich habe nicht die Weisheiten der Welt entdeckt, habe keine Lösung für Probleme erdacht. Ich habe keines meiner Probleme gelöst, ich weiß nicht einmal was ich gleich essen möchte. Ich kann aber sagen das gerade MEINE Zeit zu ende ging, eine Zeit in der ich atmete, in der mich die Bewegungen eines alten Mannes beruhigten und ich eine entspannt schlafenden Ente beneidete. Meine Zeit, in der ich Betonklötze anschaute und mir Gedanken machte weil ich es bewusst so wollte. Es war eine Zeit in der ich vorbehaltlosen Kontakt mit einem Hund und auch mit mir hatte. Es war meine Reise….und die Zeit spielte keine Rolle.

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2 Responses to Meine kleine Reise

  1. Zitronenjette20 says:

    In Gedanken bin ich eben gerne Schritt für Schritt mit Dir gegangen. Es hat gutgetan entschleunigt zu werden. Merci.

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