Vielleicht

IMG_20140225_120653Während die Sonne Mensch und Tier aufs Fell scheint, ein laues Lüftchen für ein wenig Abkühlung sorgt, da sitze ich an einem See und blicke verträumt auf die Wellen. Ungleichmäßig und fast belanglos plätschert von Enten aufgescheuchtes Wasser vor sich hin. Hier und da kreuzen Menschen meinen Blick. Doch anstatt Hektik und Betriebsamkeit zu verbreiten stören sie nicht meinen Blick auf die, vor mir liegende, Welt und mich darin.

Vielleicht, so denke ich mir, ist dieser Tag verschwendet. Vielleicht könnte man produktiv sein. Vielleicht sollte man schon an morgen denken, denn das Leben geht weiter. Vielleicht sollte ich an gestern denken, denn aus der Vergangenheit lernt manch ein Mensch, vielleicht ja auch ich. Vielleicht muss ich hier sitzen um mir solche Gedanken machen zu können, vielleicht ist es aber auch besser zu hause zu denken, denn dort hat man meist mehr Ruhe.

Vielleicht ist es gerade jetzt so angenehm mit den wenigen Menschen, vielleicht sind es aber auch mal wieder zu viele. Vielleicht stört mich das Quaken der Enten, vielleicht ist es doch eher die Musik aus meinem Musikabspielgerät. Vielleicht mag ich den vorbeifliegenden Geruch einer bratenden Wurst, vielleicht bekomme ich dadurch auch Hunger und es treibt mich hier weg. Vielleicht sollte ich hier schnell weg, vielleicht sollte ich das nicht.

Vielleicht ist dies der letzte Tag in dieser Woche mit Sonnenschein, vielleicht kann es mir egal sein. Vielleicht kann ich so einen Tag nicht richtig genießen weil ich arbeitslos bin, vielleicht kann ich nur deshalb hier sein. Vielleicht brauche ich diesen Tag, denn der Büromief erstickt mich mehr und mehr. Vielleicht ist es ein Gedanke daran zu viel und es verdirbt mir die Ruhe, vielleicht muss ich diese Gedanken haben, denn wie sonst würde mir mein Glück bewusst.

Vielleicht ist es für mich sinnlos nach Glück zu suchen, vielleicht habe ich es schon und merke es nicht. Vielleicht bin ich nicht glücklich, denn zum Glück fehlt mir die Suche. Vielleicht brauche ich das Unglück um zu fühlen das ich lebe. Vielleicht macht mich genau dieses Leben kaputt, doch ich kann mir kein anderes vorstellen. Vielleicht trinke ich jetzt ein Bier, vielleicht lasse ich es und gehe nach hause.

Vielleicht sehe ich die vorbeieilenden Menschen und habe sie gleich wieder vergessen. Vielleicht sehe ich ihnen nach und wünsche mich in ihr Leben. Vielleicht möchte ich jetzt eine rauchen, vielleicht im Hinterhof mit meinen Freunden. Vielleicht möchte ich jetzt an sie denken, vielleicht ist es besser wenn nicht. Vielleicht sehe ich sie bald wieder, vielleicht habe ich dann aber keine Zeit.

Vielleicht gehe ich jetzt langsam. Vielleicht gehe ich schnell. Vielleicht sitze ich hier noch eine Minute, denn was ist schon eine Minute. Vielleicht verschwende ich so täglich meine Zeit. Vielleicht ist meine Zeit zu kostbar um sie für so viele Gedanken zu verschwenden, vielleicht ist sie dafür gerade gut genug. Vielleicht sitze ich morgen wieder hier, vielleicht eher nächste Woche. Vielleicht kommt mir etwas dazwischen, vielleicht werde ich es dann bedauern, vielleicht gibt es wichtigeres zu tun.

Vielleicht sitze ich zum letzten mal hier, vielleicht erschaffe ich eine Gewohnheit. Vielleicht denke ich morgen im Büro an diese verschwendeten Minuten, vielleicht ist eine Minute eine leicht überschreibbare Datei. Vielleicht lösche ich jeden Tag meine schönen Erinnerungen, denn was habe ich nächstes Jahr davon. Vielleicht bleiben diese Überlegungen und sie verhindern ein Überschreiben. Vielleicht konserviere ich diese Minuten, vielleicht sind sie Kekse und ich kann jeden Tag ein wenig daran knabbern. Vielleicht geht das aber nicht und ich bereue alles. Vielleicht bereue ich mein Büro, den Chef die unfertige Hausmauer. Vielleicht bringen mich Minuten wie jene aber voran und in 20 Jahren ärgere ich mich das ich davon nicht mehr hatte.

Vielleicht hat das Leben zu wenig Minuten, vielleicht zu viele. Vielleicht fülle ich sie mit sorglosen Gedanken. Vielleicht braucht man die Arbeit um sich vollkommen zu fühlen. Vielleicht denkt jemand zu viel, vielleicht jemand anderes zu wenig. Vielleicht können zu wenige ihre Lebensminuten genießen, vielleicht genießen sie nur anders. Vielleicht gibt es keine universelle Antwort auf alles, vielleicht braucht sie auch niemand. Vielleicht bin ich du, oder du bist ich und vielleicht ist ein vielleicht nur ein belangloser Platzhalter, geschrieben im Bruchteil einer Minute.

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