Neue Saison – Alte Probleme

Es ist immer was los, es wird nie langweilig um den Kultklub vom Kiez. Die Saison hat nicht einmal den zweiten Spieltag erreicht, schon brennen die Gemüter, werden die Gedankenbarrikaden errichtet und die Heugabel auf dem Dachboden gesucht.

Alles soll bleiben wie es ist, nichts darf sein wie es andere erdenken. Eine neue Idee, ein Versuch, eine Möglichkeit, es kommt von oben, nicht aus den eigenen Reihen, es darf nicht gut sein. Es beginnt bei der Farbe des Toilettenpapiers, geht über die Abstände der Stufen auf der Tribüne und endet…ja, wo wird es enden?

Erster Spieltag der zweiten Fußballbundesliga. St. Pauli gegen den TSV 1860 München. Ein Spiel das laut Präsident des FC St. Pauli eine klare Angelegenheit ist und vom magischen FC klar gewonnen werden wird. Ich gehe an dieser Stelle nicht detailliert auf das Spiel ein, 1:0 für St. Pauli, 10 Minuten später der Abpfiff. Soweit so gut. Leider nein. Der FC St. Pauli ist nicht der FC St. Pauli wenn es da nicht doch noch etwas geben würde, etwas das spaltet, etwas das zum Stein eines Anstosses wird.

Die Mannschaft wird bejubelt, wird gebührend in den verdienten Feierabend entlassen und dann…ja, dann kommt das: Schlager! Als „Rausschmeißer“ hat man sich zu Beginn dieser Spielzeit auf einen Schlager geeinigt. Vicky Leandros darf diese Ehre zu Teil werden. Schlager! Kein Punk, kein Ska, kein Hiphop oder Elektro, schnöder alter deutscher Schlager. Eine Musik, sie begeisterte vor Jahrzehnten tausende Musikbegeisterte, ist immer noch aktuell und hat Verkaufszahlen von denen viele Künstler nicht zu träumen wagen. Es ist eine streitbare Musik, sie wirkt altbacken, beschönigend und hat immer noch den Mief der 50er an sich kleben. Verständlich das viele Jüngere damit nichts an zu fangen wissen, doch muss man es genau aus diesem Grund verteufeln? Darf es am Millerntor keinen Schlager geben? Ist kein Platz für einen kleinen Tanz auf der Tribüne? Ist es verboten mit einem kleinen Lächeln den Heimweg an zu treten, egal ob St. Pauli gewonnen hat oder nicht? Muss es immer Stakkato sein, donnernde Klänge, die brachial in den Gehörgang drängen?

Wo ist die Toleranz?

Schlager als Mittel eines beschwingten Rausschmisses ist mehr als umstritten. Kann ich verstehen, nicht jeder mag so etwas, aber auch nicht jeder bleibt bis dieser Schlager im Stadion gespielt wird. Es zwingt mich niemand, ich darf Musik nicht gut finden, ich darf das Gesicht verziehen und grummelig nach hause gehen. Ich darf solche Verhaltensweisen und Meinungen haben, es ist mein gutes Recht. Es ist mein Recht als Fan und auch als Mensch.

Vieles wird einem Fußballverein und seinen Fans vom großen DFB vorgeschrieben, mit Gründung der DFL wurde das nicht besser. Der Fan als Individuum, er existiert für die Dachorganisationen nicht. Alle in einen Topf und Deckel drauf. So läuft das, so ist das nicht erst seit letzter Saison. Damit muss Fan sich abfinden. Ein wenig Individualität möchte man sich wünschen, man möchte sich abgrenzen. Der FC St. Pauli tut dies seit Jahren. Immer wieder initiiert der Verein, und/oder seine Anhänger Projekte, die einer besseren und verständlicheren Gesellschaft dienen. Hat der Fan nicht eine Pause verdient? Ein kleines Lächeln, eine sanfte Schunkelei auf der Tribüne, erträgliche Laune auch nach einer Niederlage? Schlager hat diese Macht, die Musikrichtung kann das, sie beweist es über Jahrzehnte….aber es ist kein Punkrock, kein Ska, kein Hiphop und auch kein Elektro.

Auch Polizisten mögen Schlager, damit müssen wir uns alle abfinden, denn Polizisten sind in erster Linie Menschen. Dem ein oder anderen mag das nicht schmecken, doch so ist es. Ein Polizist ist der Feind eines jeden Fußballfans. Wirklich? Ein Uniformierter in der Kurve ist kein schöner Anblick, er gilt als Fremdkörper, gilt als Aggressor. Auf Kappen, T-Shirts und in unzähligen Liedern wird dem Ausdruck verliehen.

Wie weit darf Abneigung gehen?

Ein Polizist hat, wie jeder andere Berufstätige auch, ein Recht auf Freizeit und einem Freizeitrahmenprogramm. Briefmarkensammeln, mit den Kindern spielen und/oder mal ein Bier trinken. Er verhält sich menschlich, verhält sich wie hunderttausend andere. Die Ultras vom FC St. Pauli, dem Verein, der für Toleranz und einem friedlichen Mit- und Nebeneinander einsteht, sehen das ein wenig anders. In dem Fanzine „Bash“ erklären sie sich zu einem Polizeiproblem in ihrer Kurve.

Für uns steht außer Frage, dass die Eigenschaft Bulle zu sein und gleichzeitig Teil der Südkurve oder gar Ultra Sankt Pauli nicht zusammen passen können und einen nicht auflösbaren Widerspruch bedeuten. Da wir uns als freie Subkultur begreifen, ist es unmöglich, jemanden in dieser zu akzeptieren, der den staatlichen Repressionsapparat bedient und obendrein genau unsere Freiheit einschränken versucht.

In dem Artikel wird, dies zum Verständnis, nicht zweifelsfrei aufgeklärt, ob es sich um einen V-Mann oder einen Menschen, der Polizist ist und in seiner Freizeit gerne das Millerntor besucht handelt.

Einen gewissen Widerspruch stelle ich hier durchaus fest. Ein Polizist, der jedes Wochenende, oder auch jedes Zweite, gegen Ultras antritt um sie in ihre Schranken zu weisen, würde ein solcher Polizist sich in seiner Freizeit wirklich den Ultras anschließen? Ich denke eher nicht. Es ist zu vermuten das der Polizist vielleicht Innendienst schiebt oder artig Streife läuft und Verkehrssünder abmahnt.

Darf ein Beamter, der vielleicht in der Baubehörde arbeitet zu den Ultras? Er bedient auch den staatlichen Repressionsapparat. Was ist mit dem Filialleiter einer Bank? Er bedient den wirtschaftlichen Repressionsapparat. Was ist mit einem Lehrer, der Kinder von Ultras gängelt? Was ist mit dem Schornsteinfeger, der einem Ultra aufs Dach steigt? Merkt ihr selbst, oder?

Wo zieht man eine Grenze?

Das die Ultras, egal welchen Vereins eine eigene Fahnenschwinger- und Singsangkultur haben, es sollte jedem ersichtlich sein. Das Ultras eine eingeschworene Gemeinschaft sind, ich verstehe es, ich verstehe auch die Angst vor Infiltration durch staatliche Vollstreckungsbeamte. Ich muss es dennoch fragen: Wo wird da eine Grenze gezogen? Warum darf ein Mensch in seiner Freizeit kein Stadion besuchen? Vielleicht gar bei den Ultras stehen, ein Mensch, der seinen Beruf außen vor lässt, der in erster Linie als Fan eines Vereins neben jemanden steht. Der Verein, die Fans, die so für Toleranz, so für Nächstenliebe und eine Sozialkultur stehen, genau diese Fans schwimmen auf der Oberfläche eines Sees, den sie jeden Tag verzweifelt versuchen mit Sand zu zu schütten.

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3 Responses to Neue Saison – Alte Probleme

  1. Robert, schon sehr lange Fan und in letzter Zeit am zweifeln... says:

    Beifall!! DAS ist mein Verein!

  2. jeky says:

    Ist schon traurig. Da ist einer Mitglied eines Fanclubs und sympathisiert mit der Supportkurve. Vielleicht oder sogar sicher nicht mit dem Ultrà Ideal, aber das tun viele andere auf der Süd auch nicht. Jetzt weiß er, wenn er denen im Umfeld erzählt, dass er Polizist ist, gibt es Stress. Da denkt er sich,. ich will doch bloß Fußball gucken und singen und hüpfen und supporten, da tut es doch nichts zur Sache, was ich als Job mache. Zumal ich vielleicht mit der Problematik gar nicht befasst bin beruflich. Und dann kommt das blöderweise raus. Und statt einfach den „intimeren“ Kontakt abzubrechen, schnitzen sie eine Riesen-Empörungstapete, der Untergang des Abendlandes, weil ein Fan den „falschen“ Beruf hat. War vielleicht genau der, der ihrer Oma die Handtasche wiederbeschafft hat, die ihr einer aus der Hand gerissen hat. Oder den Typen erwischt hat, der den Obdachlosen misshandeln wollte. Aber selbst wenn nicht: ein derartiges Fass aufzumachen, ist kontraproduktiv. Wenn das dann auch noch auf diese anmaßende Art und Weise geschieht wie in diesem Fall, muss sich keiner mehr über aufgerissene Gräben wundern. Waren die jemals wirklich zu?

    Großes Knieschuss-Kino allemal.

    • Währe dies der erste Vorfall, aber nein….ich erinnere an die Aussperrung der Fans auf der Südkurve. USP demontiert sich durch ihr Verhalten zunehmends selbst und wird so immer untragbarer. Subkultur hin oder her, aber die Grundrechte eines Mitmenschen so zu beschneiden ist ekelhaft.

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