„Flausch“ vs „Arsch in der Hose“

Zuhause, im Büro, in der Bahn oder in Parkanlagen, immer und überall haben wir die Möglichkeit, so wir es denn wollen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Keine Telefondose, die uns bremst, kein Kabel, das die Bewegungsfreiheit einschränkt. Ein Ladekabel, das ist wichtig, das müssen wir unbedingt haben. Ein Handy, aber bitte nur eines mit Internetfunktion. Den passenden Tarif bietet man uns, wohl wissend wir wollen uns nicht örtlich einschränken lassen, gleich bei einem Smartphonekauf mit an.

Jeder, der am Morgen aufsteht und nicht innerhalb der ersten Stunden seine Social Media Accounts gesichtet hat, der lebt hinter dem Mond. Alle Informationen am liebsten gleich ins Gehirn gepflanzt, ohne Zeitverlust abspeichern und teilen. Ja, teilen muss man dies auch, denn es soll auch jeder wissen wie früh der Wecker klingelt, wann der Kaffe durchgelaufen und welcher dumme Spruch einem schon so früh über den Weg gelaufen ist. Der gläserne Mensch, für viele ein Graus, für noch mehr ein Lebensgefühl. Bilder vom Haustier, der erste Haarschnitt des Nachwuchses, wo und vor allem warum befinde ich mich gerade an einem Ort, alles selbstverständlich fachgerecht und witzig präsentiert. Jeder meiner Twitter-Follower, jeder meiner Facebook-Freunde soll schließlich in der Lage sein, ein Bewegungsprofil von mir zu erstellen. Ich erspare mir nervenaufreibende Telefonate, ein nachmittägliches Treffen bei einer Tasse Kaffee.

Social Media ist auch das Sammeln von Menschen. Follower oder Freunde, oder einfach nur Menschen, die ich nicht kenne und meist auch nicht persönlich treffen muss. Ein „I like“, ein „Fav“, oder ein „Retweet“, ein Zeichen der Wertschätzung für Informationen, ohne die man leben könnte, es aber nicht tut, denn Aufmerksamkeit ist ein Boomerang. Eine einfache Lesebestätigung ohne wortreiche Kommunikation. Keine langwierigen Gespräche notwendig, keine Auseinandersetzung mit dem Produzenten des Inhalts. Es gefällt, das muss reichen. Wird die betreffende Person von mir gelesen, so kann ich darauf hoffen, auch von ihr gelesen zu werden. Ich bekomme Aufmerksamkeit für Dinge, die ich Teile, die mir wichtig sind. Ich trage meine Meinung nach außen und das tue ich konsequent und in einem Umfang mit Menschen, es wäre vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen.

Ich kann durch so ein Verhalten viel bewirken, viel verbreiten, aber auch viel falsch machen. Durch das häufige Wegfallen direkter, verbaler Kommunikation bleibt oft vieles ungeklärt, bleibt eben doch vom Teilen ausgeschlossen. Ein kleiner Zusatz, eine kleine Abweichung, sie bleibt im Verborgenen, oder erreicht nicht jeden der Freunde. Durch das Internet ist die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen stark reduziert. Seiten werden abgescannt, wichtiges oft überlesen, ist es dann erst einmal geteilt, widmen wir uns wieder der nächsten Information, ohne die Vorige aufmerksam und intensiv verarbeitet zu haben. Es steht, ich habe es geteilt, nächstes Thema bitte! Ähnlich verhält es sich bei Blogposts, einmal gelesen, im besten Fall einen Kommentar verfasst und dann bitte vergessen. Streitkultur scheint ein verlorenes Gut zu werden. Auf Twitter sind 140 Zeichen zu wenig, ein Blogpost wird durch einen anderen im Gedächtnis ersetzt und auf Facebook werden nur sehr streitbare Themen länger als einen Tag verfolgt.

Wir können uns nahezu aussuchen, wer wir im Internet sein wollen. Wir können uns mit unserem realen Namen anmelden oder wir wählen ein Pseudonym und basteln uns einen Avatar, der uns in etwa gleicht wie ein Tintenkleks einem Picasso-Gemälde. Wir können stetes jemanden anderen darstellen wollen und doch bleiben wir die gleichen. Immer mal wieder ein neuer Name, immer mal wieder ein neues Bild und doch können wir uns nicht verstecken.

Ich will dies im übrigen nicht, daher auch mein statischer Name!

Interessant wird es immer dann, kommt es zu einem Treffen zwischen Internetbekanntschaften. Die Überraschung ist groß, erwartet man z.B. einen versifften antikapitalistischen Punk und da steht ein biederer Anzugträger, der den halben Abend etwas von Cashflow und Rentabilitätsvorraussetzungen spricht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden getätigte Aussagen im Internet nicht mehr ganz ernst genommen, der Ruf ist „ruiniert“ und lässt sich auch nicht mehr herstellen. Nachrichten kommen nicht nur aus dem Fernseher, sie werden eben auch gemacht. Social Media, der Konsument wird zum Produzenten (Prosument) und gelegentlich ist der Konsument Inhalt oder Ansporn eines Produktes jemanden anderes. Geben und nehmen.

Man könnte meinen, im Internet ist es wie im realen Leben, die virtuelle Welt unterscheidet sich nicht von der Realen. Es wird nur gerne ein wesentlicher Faktor vergessen: Zeit!

Sitze ich einem Menschen gegenüber und wir diskutieren, streiten uns vielleicht, so gibt es kein entkommen. Es wird gesprochen, es wird sich ausgetauscht, es wird kommuniziert bis man auseinander geht. Der Zeitraum ist hier nicht in Sekunden, oder „Refresh-Intervallen“ messbar. Keine Möglichkeit sich seinem Gegenüber zu entziehen, einfach weggehen macht man nur in den extremsten Fällen. Sich mit einer anderen Meinung auseinander setzen, sich austauschen, vielleicht lernt man noch etwas. Es gibt stete Interaktion zwischen mindestens zwei Individuen.

Im Internet kann man sich aus dem Staub machen, kann etwas durch tagelange Abwesenheit aussitzen, hoffen der Andere hat es vergessen und bleibt Follower oder Freund. Warum soll ich mich mit jemandem lange unterhalten? Ich kenne die Person meist nicht, sehe sie nicht, sehe sie sicherlich nie, warum dann so einen Stress machen? Immer schön „flauschflausch“. Lästern geht auch im Internet sehr gut, Nachrichten sind einfach und schnell verbreitet, es muss niemand auf persönlichen Kontakt warten. Schnell eine Nachricht an 20 Menschen verfasst und die Geschichte ist am Laufen. Niemand braucht mehr „Arsch in der Hose“, niemand muss sich mehr erklären, einfach „entfreunden“ und alles geht weiter, wird wieder flauschig. Flucht vor der Realität, dem realen Leben mit Anfassen, riechen und schmecken.

„Hinter jedem Avatar sitzt ein Mensch!“ – wie oft ich diese oder inhaltlich ähnliche Aussagen in den letzten 2 Jahren las, ich kann es nicht mehr zählen. Doch wie viele Avatare haben sich schon über eben diese Menschen ärgern müssen, Worte sind ohne Taten eben doch nur halb so wirkungsvoll. „Worte sind Waffen!“ – diese Aussage ist weder neu, noch muss sie neu verpackt werden, dennoch sind viele der Meinung: „Mir doch egal, du kannst mir gar nichts. Entfernung und so!“ Rücksichtslos wird mit Emotionen gespielt, wird mit dem gespielt was dem Leben in dieser sozial kalten Welt ein wenig Wärme verschaffen könnte. Meckern, Aussitzen, sich nicht einmal wundern, „entfreunden“ und zum „Flausch“ zurückkehren. Inhaltlich bleibt vieles auf der Strecke. Das reale Leben ist geprägt von Auseinandersetzungen, ist geprägt von Problemen, so etwas tut man sich im Internet nicht an. Da wird die Seite geschlossen, der Avatar entfolgt und das nächste Katzenbild angeschmachtet. Sieht man sich aber doch einmal persönlich – Schweigen! Von Mensch zu Mensch, Von Nase zu Nase ist eben doch einiges anders, da trennt sich die Spreu vom Weizen und man erkennt den Unterschied zwischen realen Personen und unpersönlichen Avataren. Mit einem mal steht da jemand der Atmet, dem etwas Nahe gehen könnte, der durch Mimik und Körpersprache seinem Unmut, seiner Enttäuschung Ausdruck verleihen kann.

Wenn es darauf ankommt, dann wird es oft ruhig, da fehlen die Tasten und die Maske. Da fehlt die Zeit und da fehlt „Arsch in der Hose“! Ich wünschte ich würde über eine Randerscheinung des Social Web schreiben, leider bin ich mir ziemlich sicher, nicht nur ich habe diese Erfahrungen gemacht und leider bin ich mir auch sicher, es kann und wird sich sicher wiederholen. Ist es ratsam die Kommunikation im Internet zu meiden? Auf keinen Fall, gibt es doch noch viele Menschen da draußen, ihr würdet sie nicht kennenlernen, würdet ihr kein Risiko eingehen. Es gibt sie nach wie vor, die große Chance über das Internet, über die vielen Kanäle genau die lieben Menschen kennen zu lernen, die ihr ohne das Web 2.o nie kennen gelernt hättet. Es gibt eine Chance und jeder entscheidet ob und wie er sie nutzen möchte. Doch Unbequemes muss auch im Internet gesagt werden dürfen, Unbequemes, keine Gemeinheiten. Sich mit jemandem auseinander zu setzen und respektvoll mit einander um zu gehen  ist kein Phänomen des realen Lebens!

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5 Responses to „Flausch“ vs „Arsch in der Hose“

  1. Ken Takel says:

    Darf ich den Text jetzt liken oder nicht? :o)

  2. pauliane says:

    …und ich teil ihn trotzdem 🙂

  3. jeky says:

    Ich bin ja nicht so der flauschige Typ, sondern mehr der Arsch 😉

    Im Ernst, ich sehe Twitter/facebook mittlerweile eher als eine Ausweitung des RL und behalte mir vor, wie auch im richtigen Leben, Menschen und Follower (Deckungsgleichheiten vorhanden) nach meinem Gusto als Gesellschaft auszuwählen. Wen ich im echten Leben nicht um mich haben will, den brauche ich auch nicht auf Twitter und umgekehrt. Wer im echten Leben keinen Arsch in der Hose hat, mit dem muss ich auch auf Twitter nicht flauschen, auch umgekehrt.

    Ja, hinter jedem Avatar steckt ein Mensch, aber hinter manchen eben auch ein Arsch. Die Möglichkeit indes, interessante Menschen hinter dem Avatar kennen zulernen, die „in echt“ genauso interessant sind und eine echte Bereicherung fürs Leben sein können, ist unbezahlbar.

    • Da sind Sie eine Ausnahme, denn in den meisten Fällen ist es sicherlich so, man kennt nur einen Bruchteil seiner Freunde/Follower auch persönlich. (ich denke bei mir sind es ca 10% der Follower). Vielfach ist es ja leider so, man folgt und kennt sich nicht, manchmal hat man ja nicht einmal das Bedürfnis seine Follower kennen zu lernen. Dieser Umstand erleichtert es einem leider auch leicht eine vorhandene menschliche Seite hinter dem ganzen zu vergessen.

      Die Chance einen tollen, liebenswerten Menschen in dem Gewusel der Follower zu finden, sie besteht und das ist gut so. Ich denke in dem Punkt gleicht das Internet sehr dem realen Leben. Wer sich nicht mit möglichen Enttäuschungen auseinander setzen möchte, dem sollte man das Web 2.0 nicht ans Herz legen.

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