Zu Turnieren ändert sich vieles

Freitag der 8. Juni, es ist 17 Uhr, die Eröffnungsfeier beginnt. Nervös sitzen tausende Menschen vor dem heimischen TV, in Kneipen oder bei Freunden und sehnen den ersten Anstoß herbei. Die Bundesliga hat Pause, doch viele können und wollen sich der Droge „Fußball“ nicht widersetzen.

 

Dabei sind viele „Fußballfans“ gar keine. Gelangweilt sitzen sie 34 Spieltage vor der Sportschau, denn ein Bezahlsenderabo ist ihnen der Sport, bei dem 22 Menschen einem Ball hinterherrennen nicht wert. Wird die Zusammenfassung einmal verpasst, so ist es kein Beinbruch, man kann ja morgen alles in der Zeitung lesen. Doch bei jeder Europameisterschaft (EM), bei jeder Weltmeisterschaft (WM), sind sie alle da, wollen sich mit anderen Menschen verbinden, sind die besten Trainer, mit jedem befreundet und wissen schon kurz nach dem ersten Anstoß wer das Turnier gewinnt. Fußballsachverstand, Hintergrundwissen und fundierte Kenntnisse über alle teilnehmenden Länder.

 

Ja, dieses „Länderding“ ist nicht einfach zu verstehen. Pünktlich zu jedem Turnier kommt er, der Nationalstolz, dieses „WIR“-Gefühl, das Heraufbeschwören der eigenen nationalen Identität. Es riecht nach „Brot und Spiele“, nur diesmal nicht von der Bundesregierung inszeniert, dieses mal bedankt sich der „Fan“ bei einer, für ihn fast wichtigeren Instanz, der Fußballregierung. Wir fühlen uns als Deutsche, Niederländer, Franzosen usw., gewinnt „unser“ Land, dann haben selbstverständlich „WIR“ gewonnen, bei einer Niederlage habe „DIE“ Mist gespielt. So reagiert es das Fußballvolk. Halbnackte Menschen liegen sich beim Public-Viewing in den Armen. Den Unterlegenen wird dekadenter Trost gespendet, denn es ist jedem klar gewesen, es können nur „WIR“ gewinnen.

 

Gerade unter Linken wird immer wieder diskutiert ob man sich den überhaupt zur Nationalmannschaft bekennen soll/darf. Ich denke diese Diskussion schwelt schon seit es diese Turniere gibt. Die einen führen die Völkerverständigung an, andere kontern mit dem überzogenen Nationalstolz und beide haben sie recht. Fußball verbindet, er führt Menschen zusammen, kann ihnen aber auch ihre schlechtesten Charaktereigenschaften hervor locken. Es ist nicht leicht sich für oder gegen eine Seite zu entscheiden, führt doch jeder seine Gründe für eine Rechtfertigung seiner Haltung auf. Es ist verständlich das übermäßig beflaggte Autos oder Häuser abschrecken. Ich kann es aber ebenso verstehen, spricht jemand von der Unterstützung eines Spielers seines Lieblingsvereins. Patriotismus, das müssen wir uns alle eingestehen, steckt in jedem von uns. Lokalpatriotismus wird toleriert, aber bitte nur wenn es um die Heimatstadt, den ansässigen Fußballverein geht. Die Nationalmannschaft ist jedoch nichts anderes, sie wird nicht von der Bundesregierung in Berlin gesteuert, sie wird von Spielern und Fans einzelner Vereine getragen. Doch schon muss ich mir widersprechen. Fans der Nationalmannschaft? Bei Qualifikations- und Testspielen sehe ich nur Funktionäre, Sponsoren und Menschen für die es das Highlight ihres Lebens ist einmal ein Spiel der Nationalmannschaft gesehen zu haben. Von Fankultur kann man an dieser Stelle nicht sprechen, es erinnert an einen Retortenverein, etwas Gezüchtetem, etwas Künstlichem. Ich sehe nichts was gewachsen ist.

 

Doch das Volk freut sich auf Turniere, denn wir sind ja eine Turniermannschaft. Vielen ist es dabei egal ob der Sport politisiert werden sollte oder nicht, viele interessierte es nur am Rande wie es in den Townships von Südafrika ablief, ob diese Menschen einen Vorteil aus dem Turnier zogen oder nicht. Mal ehrlich, wie viele der „Fans“ interessierten sich in den vergangenen Wochen über die Vorgänge in der Ukraine? Wer schaute sich eine der zahlreichen „hust“ Fernsehsendungen über die Potemkinschen Dörfer in dem Land an? Fußball verbindet, aber wie lang ist die Leine die uns verbindet? Ist sie kurz genug um solche Dinge zu sehen, oder ist sie lang genug das wir getrost Reden schwingen können ohne ein Gewissen zu entwickeln?

 

Schiebereien, Bestechungen, eine WM in Katar, so ist der Fußball heute. Fußball als Sport sollte nicht politisiert werden? Er ist es längst! „Brot und Spiele“ siegen und der Filz bei FIFA und UEFA nimmt zu. Demnächst eine Europameisterschaft in Kanada? Warum nicht, solange die genug zahlen ist doch alles möglich. Geht bei anderen Sportarten doch auch. Während die Komitees sich etwas neues, fanfreudliches ausdenken schauen wir uns Berichte über die Nationalmannschaft in Auschwitz an und grinsen beim Anblick der Brüste Gina Lisa´s auf Seite 1 der BILD.

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