Meine kleine Oase

Wer mich kennt, der weiß, Menschen sind für mich eine mehr als zweifelhafte Spezies. Einzeln sind sie oft schlimm, in einer Gruppe übertrumpft der eine den anderen in unüberschaubarer Regelmäßigkeit. Von jeher ist eine Menschenansammlung eine Herausforderung, eine Aufgabe deren Lösung dem Entwirren des Gordischen Knotens gleicht. Seit geraumer Zeit tut sich jedoch etwas in meinem Empfinden. Die negative Grundhaltung hat Risse bekommen.

Krankheitsbedingt muss ich seit einigen Tagen mit Krücken durch meinen Alltag laufen. An und für sich eine Aufgabe die durchaus zu bewältigen ist, etwas schwierig zu Beginn, aber dennoch nichts was mich großartig aus der Bahn wirft. Man lernt mit vielen Dingen zu leben und, mal ehrlich, es gibt doch schlimmeres, oder? Ein Leben in Zeitlupe, wie ich es gerne nenne, ist, währe es nicht so anstrengend mit den Krücken zu gehen, auch mal entspannt. Ich muss mir eben ein wenig mehr Zeit nehmen. Brauchte ich vorher von Tür zu Bus etwa 7 Minuten, so dauert es nun eben an die 20 Minuten. Halb so wild, Wetter ist ja angenehm, ein wenig schwül, dennoch aber genau richtig um einen kleinen Spaziergang zu machen.

Seit einigen Tagen muss ich also mit den Gehhilfen meine Wege zurücklegen und mit einem mal reagieren die Menschen ganz anders. Ich kenne es folgendermaßen:

Ich gehe, keiner geht aus dem Weg. Ich verliere etwas, der nächste freut sich. Ich frage freundlich, es wird mürrisch oder gar nicht geantwortet. Genau so ist es in den meisten Fällen.

Nun passiert aber folgendes:

Ich gehe, man sieht mich, es wird ein Bogen um mich gemacht damit ich nicht noch mehr Mühen habe mich fort zu bewegen.

Ich lasse etwas fallen (Geld, Krücke o.ä.), es wird gefragt ob man mir helfen könne, oder es wird direkt gemacht. Kein Zögern, kaum ein Wegsehen. Man bedenke bitte, ich gehe nur auf Krücken, kein Rollstuhl, keine „Blindenbinde“!

Ich frage etwas und man gibt mir (mit einer Ausnahme) mir einem Lächeln eine Antwort.

An meinem Aussehen hat sich nichts geändert, auch an meinem Verhalten ist alles wie es ist. Ich habe den Menschen nichts getan, hoffe nach wie vor das mir gleiches Verhalten entgegenkommt.

Wie oft schrieb ich in meinem Blog von rücksichtslosem Verhalten, der Ellenbogenmentalität der Gesellschaft, dem rücksichtslosen Verhalten den Mitmenschen gegenüber, ich wurde nie müde immer wieder auf fehlende oder fehlgebildete Charakterzüge hin zu weisen…und nun? Nun scheint sich mit einem mal vieles verändert zu haben. Kaum geht es mir offensichtlich nicht so gut wie anderen stehen selbst Jugendliche, die gerne als verroht dargestellt werden, auf, um mir einen Sitzplatz im Bus an zu bieten. Eine ältere Frau, sie mag mind. 60 Jahre gewesen sein, versuchte mir (ich bin ca 1,90m und wiege deutlich und sichtlich mehr als 100kg) gestern gar aus dem Bus zu helfen. Ich betone an dieser Stelle nochmals, ich sitze nicht im Rollstuhl und trage keine Binde mit 3 Punkten drauf!

Werden Menschen mit Behinderung, speziell Rollstuhlfahrer von Mitfahrenden im ÖPNV oft als störend, als notwendiges Hindernis für einen pünktlichen Fahrzeitverlauf gesehen, so scheint eine kleine Krankheit, etwas das vergänglich scheint, Mitgefühl und Anteilnahme hervor zu rufen. Ich persönlich freue mich sehr, bin ich eines besseren belehrt worden und doch, ihr werdet es heraus gelesen haben meine lieben Leser, mischt sich in meine Worte ein bedrückender Unterton.

Es scheint bei vielen Mitmenschen so zu sein, etwas vergänglich Schlechtes, ein Übel das in ein paar Tagen oder Wochen vorbei zu sein scheint ist leicht hinnehmbar, denn dieser Mensch (in dem Fall ich) wird bald nicht mehr aufhalten. Ein Rollstuhlfahrer hingegen darf für seinen nächsten Innenstadtbesuch gerne eine andere Buslinie benutzen. Es ist nicht alles Gold was glänzt, auch nicht für mich in diesen Tagen. Freuen jedoch darf ich mich über diese kleine Oase Mitmenschlichkeit die mir entgegengebracht wurde, mag sie auch bald ausgetrocknet sein.

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2 Responses to Meine kleine Oase

  1. sofieseesstars says:

    so siehts leider aus, aber immerhin ist unsere gesellschaft noch nicht ganz morallos und hilft wenigstens menschen mit behinderungen oder anderen verletzungen

    • Ein Teil tut dies, zu viele aber leider noch nicht. Achtlos gehen sie einfach weiter und denken nur an das abendliche TV-Programm. Ich denke aber es bessert sich, so ist jedenfalls mein subjektives Empfinden.

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