Zeckenpack

Rivalität kann eine gesunde Sache sein, kann uns zu mehr, zu einer besseren Leistung anspornen. Leider, wir kennen es alle, hat Rivalität auch oft negative Seiten. Sie fördert Neid, Missgunst und oft genug auch offen zur Schau gestellten Hass. Der Kampf um einen neuen, einen besseren Arbeitsplatz, das Buhlen um eine hübsche Frau und natürlich, wie könnte es anders sein, auch im Sport.

Speziell beim Fußball ist Rivalität immer ein großes Thema. Man spricht auch gerne von Lokalrivalität wenn zwei oder mehr Mannschaften aus einer Stadt in den höchsten Spielklassen mitmischen. Es ist nichts neues, bedarf daher keiner weiteren Erklärung. Eine Frage stellen sich aber viele, sie stellen sie sich auch zu Recht – Wie gehe ich damit um?

Was mache ich wenn ich einem Mop begegne, der mich genauso wie ich sie, als Anhänger „verfeindeter“ Vereine ausweist? Wie reagiere ich, sprechen mich zwei Menschen an, die mich aufziehen, ein wenig sticheln? Es gibt verschiedene Herangehensweisen, jeder findet hier seine eigene, findet seinen Weg um mit einer solchen Situation um zu gehen, da sollte sich auch niemand erdreisten rein zu reden. Ich hatte am Samstagabend eine solche Begegnung in dem Pub meines Vertrauens.

Kurz zur Erklärung:

Ich hatte den Nachmittag mit einem sehr guten Freund verbracht, kam nüchtern in der Kneipe an und, wie es so meine Art ist, wollte ich nur friedlich mein Cider trinken.

Folgende Szenerie ergab sich zu späterer Stunde, ich habe in der Zwischenzeit etwa drei oder vier Cider getrunken.

Ein jüngerer Mitbewohner dieses Planeten, es stellte sich heraus, er ist nur unwesentlich jünger als ich, wollte sich verabschieden. Mich interessierte dies nur am Rande, denn gut kenne ich diesen Mitmenschen nicht. Ich weiß aber zwei Dinge von ihm: 1. Er ist mit einer lieben Bekannten, die neben uns stand, befreundet. 2. Er ist Anhänger des „Rasensportverein Stellingen“ – besser bekannt als Hamburger Sportverein (HSV). Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, meiner einer steht lieber in der Kurve des Stadtrivalen FC St. Pauli.

Er: „Ich geh dann mal, bin müde.“

Ich: „Nach hause? Weinen weil ihr verloren habt?“

(Der HSV verlor an dem Nachmittag 1:3 gegen Werder Bremen)

Ich gebe zu, es war schon etwas forsch von mir. Versuchte ihn aber wieder zu beruhigen, denn meiner Meinung nach streitet man sich in „neutralen“ Kneipen nicht über Politik und auch nicht über Fußball.

Das Gespräch dauerte noch einige Sekunden, dann ging der junge Kerl an die andere Ecke vom Tresen. Dort hörte ich ihn noch wild gestikulierend, ich hätte ihn ja ganz fies provoziert.

Als kleinen Exkurs füge ich hier mal ein:

Als ich zur Schule ging saßen um mich herum nur begeisterte HSV-Anhänger, ihr glaubt gar nicht was ich mir da alles anhören durfte, jedoch, darauf lege ich noch heute Wert, es blieb alles im Rahmen, gefeixt wurde immer mal, gestichelt, die ein oder andere offene Provokation gab es sicher auch, es wurde geschluckt und am nächsten Tag vergessen.

Nun zurück zu meinem, immer noch wild gestikulierenden Mit-irgendwas. Dieser hatte in der Zwischenzeit von der Bardame noch einen kleinen Mitbekommen. Der halbe Tresen grinste sich schon eins, bis….ja, bis er zum Abschied folgenden Satz sagte, nein schrie, der mir das Grinsen aus dem Gesicht schlug:

„Tot treten soll man dieses(euch) scheiß Zeckenpack!“

Ich kenne den Begriff „Zeckenpack“ ebenso wie alle die mit mir im Stadion stehen, wir machen damit ja auch gerne mal unsere Scherze, spielen durchaus auch mal mit dem Klischee….aber dieser offene Wunsch nach dem Tod eines, bzw. mehrerer Menschen ist mir von einem jungen HSV-“Fan“ noch nicht entgegen geschlagen. Ich kenne so etwas von faschistischen Anhängern, nicht nur dieses Vereins, aber, nun gut, sein rechts gekämmter Scheitel hätte etwas in der Richtung aussagen können, aber den kann er ja so gekämmt haben, weil es ihm gefällt. Ich fühlte mich nicht direkt bedroht, doch irgendwann werde ich den jungen Mann wiedersehen, irgendwann…und dann besteht ernster Redebedarf, denn abgesehen von der Zurschaustellung seiner offensichtlichen Kenntnis von Phrasen, seinem Mangel an Feingefühl und Situationskenntnis, denn ich schlage mich weder in Kneipen noch in Gegenwart einer Frau gerne und meine Körperhaltung ebenso wie mein Ruf haben dem entsprochen, hat dieser Kerl ein ganz schlechtes Bild auf sich geworfen. Sich selbst der Lächerlichkeit Preis zu geben ist eine Seite, die Schuld aber anderen so offensichtlich in die Schuhe zu schieben und, vergessen wir bitte nicht, es geht um Sport, sich offen dazu zu bekennen, sein eigenes Leben scheint nicht viel zu bieten zu haben, finde ich höchst besorgniserregend.

Jeder der einem Sportverein anhänglich ist fühlt sich mit demselben verbunden, es stellt somit immer ein Reizthema dar, doch mal ehrlich, sich vor Freunden, sich vor Unbekannten so zum Honk zu machen? Ist das der Preis den man zu zahlen bereit sein muss um als Fan durch zu gehen? Ich spreche hier nicht von den „ULTRAS“, denn die sind, ist ja hinlänglich bekannt, eine eigene, eine besondere Art von Fans.

Ich bin gemein hin als friedliebender Mensch bekannt, aber dieser Junge, als Mann darf man so etwas nicht betiteln, hat mich fast gehabt. Ein einfaches Kopfschütteln, ein verächtliches Grinsen, ein verbaler, nicht beleidigender, Schlagabtausch, es hat Möglichkeiten gegeben, er wählte in meinem Augen die denkbar schlechteste und hat sich damit, nicht nur bei mir, ins soziale Abseits katapultiert. Schade, aber diesen, an sich recht friedlichen und gemütlichen Abend hat er uns ein wenig versaut. Ich drücke ihm die Daumen, dass sein Verhalten ihn nicht irgendwann mal ins Krankenhaus bringt, denn ich kenne einige, die hätten nicht nur erschrocken, bzw. grimmig geschaut, die hätten gleich gehandelt.

Ich für meinen Teil wünsche mir definitiv nicht seinen Tod!

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4 Responses to Zeckenpack

  1. Ian says:

    Oh, man das ist ja mal ein dickes Stück!
    In meinem Umfeld habe ich auch viele HSV-Fans, es sind aber auch Fans die sich als solche auch
    bezeichnen können. Gerne werde ich dort als „Zecke“ begrüßt und wir haben so unsere Scharmützchen miteinander nur danach können wir auch ganz sachlich weiter über Fussball reden.

    Ich muss hier eine Lanze für meine HSV-Freunde brechen, sie distanzieren sich ganz entschlossen von diesen Leuten die solche Parolen und Gewalt anwenden (als Fans vom HSV).

    Ich finde es von Dir sehr gut und vorbildich das Du nicht dadrauf eingestiegen bist. Gewalt oder weitere Disskusionen wären wohl auch ins Nichts gelaufen.

    Ian

    • kuschelpunker says:

      Es ist durchaus legitim sich mal ein wenig an zu stacheln, solange man die Grenzen kennt und sie auch nicht überschreitet. Gerade unter alkoholeinfluss ist das sicherlich nicht einfach, dennoch sollte man sich auch in einem solchen Zustand unter Kontrolle haben, zur Not ist „weggehen“ immer eine gute Option.
      Ich verstehe mich mit HSV-Anhängern eigentlich auch immer recht gut, Probleme gab und gibt es in den seltensten Fällen. Warum dieser Jungspund so ausrasten musste ist mir nach wie vor ein Rätsel. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit es in einem 4-Augen-Gespräch zu erörtern.

  2. Wie unschön. Ich meine aber, dass es bei dieser Aussage nur am Rande um (Fußball-) Fandasein geht. Der Mensch hat ein ganz gewaltiges Sensibilitätsproblem. Wer „scheiß Zeckenpack“ und Todeswünsche ernsthaft raushaut, drückt damit sehr klar eine Weltsicht aus, der Menschenverachtung als solche kein Begriff ist. Vermutlich hättest du auch mit einer nicht fußballbezogenen Stichelei ihm gegenüber diese Reaktion auslösen können, da (und ich ziehe den Schluss aus der Haltung, die seiner Aussage zu Grunde liegt) du eine Gruppe von Menschen repräsentierst, die er als (relativ?) wertlos einstuft. Bleibt ihm zu wünschen, dass sich das in seinem Leben noch mal ändert und dir, dass er an einem anderen Tag nicht körperlich aggressiv wird.

    PS: Mit „Buhlen um eine hübsche Frau“ gibst du anfangs ein denkbar schlechtes Beispiel, weil das gar nicht unter ‚kennen wir alle‘ fällt. 😉

    • kuschelpunker says:

      Dass „am Rande“ kann und möchte ich so nicht unterschreiben, denn der Fußball, eher die Besuche in der Fankurve prägen ja doch sehr, man schnappt viel auf und wenn die eigene Meinung nicht gefestigt ist, dann und genau dann ist man anfällig für Phrasen. In diesem Fall setzt die Gruppendynamik ein.
      Ich hoffe dein Wunsch geht in Erfüllung und ich muss mich nicht auch noch körperlich mit ihm auseinander setzen.
      Kurz noch zu deinem p.s. – die Formulierung die du ansprichst dient in meinem Fall zum Abrunden eines Bildes, dass man nie „alle“ Menschen meinen kann ist mir durchaus bewusst.

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