Ist unsere Meinung die einzig wahre?

Ich liege gerne mal auf meinem Sofa, mache mir ein wenig Musik an und denke nach. Dies ist ein Vorgang, der sich in letzter Zeit des öfteren wiederholt. Ein Problem an der Geschichte ist eine überdurchschnittlich lange Einschlafphase. Wie mit vielem anderen, so lerne ich aber auch damit gut zu leben. Worüber ich nachdenke? Ich kann es euch, meinen lieben Lesern, gar nicht genau sagen. Die Gedanken spielen Flipper in meinem Kopf.

Gerne denke ich an meine Vergangenheit, ob etwas schief lief, was ich heute anders machen würde? Natürlich kann ich Geschehenes nicht ändern und die Gedanken sind Vergangenheitsutopie, doch gelegentlich muss dies sein. Selbstreflexion ist das Schlüsselwort. Habe ich in der ein oder anderen Situation richtig reagiert? Musste ich wirklich so provozieren? Hat alles wirklich einen Sinn gehabt? In den Tagen, besser den Nächten, in denen ich meine Stiefel schnürte, den Iro hochstellte und mich zum Kiez aufmachte, in diesen Nächten interessierte mich vieles nicht. „No Future!“ – rief ich in die Nacht und es kam mir so richtig vor. Stolz trug ich mein Äußeres als würde ich auf einer Parade marschieren, auf meiner eigenen kleinen Parade, ein Marsch in die Richtung, die ich wählte. Diese ganzen Spießer, sie konnten mir nichts, sie führten nicht mein Leben und sie hätten es auch nicht können. Ich machte meine Ethik, meine eigene Moral, entschied mein Handeln. Was sollte ich auch mit einem Anzug, mit einer Krawatte, einer Frisur, die nichts aussagte? Ich wollte, ich musste anders sein und ich ließ es mir von niemandem verbieten. Gegen alles und jeden, selbstgewählte Ausgrenzung, wen sollte ich auch brauchen?

Heute, 10 Jahre später ist die Stimme von damals nahezu verstummt. Ich will eine Zukunft, ich brauche Veränderung, nur die Ethik und Moral der Gesellschaft will mir immer noch nicht gefallen. Politikethik, Wirtschaftsmoral und dann noch die Moral einer Subkultur die sich eben gegen jene andere stellen will. Wohin soll ich mich da wenden? Wer erklärt mir jetzt was richtig und was falsch ist? Es war alles so einfach und dann veränderte sich alles, und das Oben und Unten verschmolzen zu einem Kreis.

Fleisch essen darf ich nicht, denn man ist ja was man isst. Ein weiblicher Jurist heißt Juristin und meine Freundin „Weib“ zu nennen geht auch nicht mehr, wer will schon als Sexist beschimpft werden. Sexismus, Anarchismus, Faschismus, vor keinem „-ismus“ ist man mehr gefeit. Es geht schnell und mit einem mal stehst du am Rand von etwas, zu dem du mal gehört hast, zu dem du gehören wolltest. Ich muss weinen um Tote, muss erzürnt sein über Dinge, die provoziert worden sind. Ich darf nicht in Restaurants essen die amerikanisches Fast-Food anbieten, denn ich muss ja auch antiimperialistisch sein. Alle Menschen sind gleich, und doch ist jeder sich selbst der Nächste. Anarchisten predigen wogegen ich sein muss und für was ich einstehen darf. Die Wirtschaft suggeriert mir ein Leben in warmen 4 Wänden, sofern ich eine Arbeitsstelle annehme, dafür muss ich lediglich deren Regeln folgen. Wie viele Familienväter können es sich leisten in der Großstadt Hippie zu „spielen“, den Selbstversorger zu mimen oder sich stets frische Lebensmittel aus der näheren Umgebung zu kaufen?

Die Revolution wird kommen! Sagt ihr mir auch wann und wie meine Mutter bis dahin gesund und halbwegs vernünftig durchs Leben kommt? Strukturieren wir die Gesellschaft um! – bin ich voll und ganz dafür. Es steht außer Frage, hier läuft nicht alles so wie es laufen sollte/könnte. Zu viel Egoismus, zu viel auf das man achten muss, zu viel wird uns erzählt und für die einzige wahre Wahrheit verkauft….auch von euch, von uns, wir die wir anderen erzählen wie sie zu leben und zu denken haben. Müssen wir einem Menschen verbieten zu seiner Freundin auch mal „Muschi“ zu sagen, wenn es deren beziehungsinterner Umgangston ist? Ist es wirklich nötig gleich auf die Palme zu gehen wenn ein guter Freund/Bekannter sich im Rausch mal im Ton vergreift, wo wir doch genau wissen, der meint es nicht so, der hat nur seinen Spaß, der will nur spielen und mal die Sau rauslassen? Jedes Wort muss anscheinend auf die Goldwaage gelegt werden, jeder von uns hält das Schwert des Damokles bereit um es dem Nächsten über dem Kopf kreisen zu lassen.

Wir sind die Guten, wir haben es drauf, wir verachten Krieg, Zerstörung, Tod und weinen um jedes Kind mit einem gebrochenen Bein. Jeden Tag weinen wir eine Träne für die verhungernden Menschen. Wir sorgen uns um die Gesellschaft, besuchen Demonstrationen und tun unsere Meinung kund. Wir organisieren uns in Arbeitsgruppen, Parteien oder gemeinnützigen Organisationen, denn wir wollen uns einbringen. Dies ist Notwendig, für unser Gewissen, für unsere Überzeugungen. Ist es aber notwendig jede Kleinigkeit in einer Unterhaltung mit einem, offenkundig nicht so informierten Spaßmenschen, an zu sprechen, ihm seine BILD-Meinung vor das Gesicht zu halten – abends um 23 Uhr mit 2 Atü aufm Kessel? Wir benehmen uns manchmal wie klingelnde Zeugen Jehovas, unsere Meinung ist uns Religion, unser Denken ist das einzig Richtige, wir brauchen unser „Don Quichotte“-Dasein anscheinend, denn sonst können wir nicht ruhig schlafen.

Ich habe damit aufgehört, meinen erhobenen Zeigefinger kriegt nur noch zu sehen, wer sich offensichtlich und mehr als 1 mal daneben benimmt. Ich weiß nicht wo ich früher die Kraft her nahm, heute gehe ich damit nicht mehr so verschwenderisch um. Prioritäten ändern sich? Mag sein, bin wohl auch gelassener geworden, glaubt nur nicht der Kuschelpunker lässt sich alles gefallen, ich denke nur wir sollten uns alle nicht ganz so wichtig nehmen. Informieren, Menschen die Chance geben selbstständig Ideen zu entwickeln, sich eine Meinung zu machen. Es muss nicht immer gleich die Moralkeule sein, ich will keinen Ahnungslosen wie eine Sau durchs Dorf treiben, damit ist niemandem geholfen, damit schaffen wir keine bessere Gesellschaft, damit schaffen wir dumpfe Nachahmer, Gefolgsleute bei denen sich nichts geändert hat im Kopf! Ich denke ich muss euch nicht sagen an wen oder was mich das erinnert, oder?

Nachtrag:

Ich habe lange mit mir gehadert ob ich diesen Post wirklich schreiben soll, es ist mir nicht einfach gefallen, aber es ist notwendig. Mir ist bewusst ich erreiche nicht alle und einige werden mich in Zukunft meiden, aber dies ist meine freie und selbstgewählte Meinung zu einem Thema das viel zu selten zur Sprache kommt. Die „Sternchenbewertung“ wollte ich eigentlich abschaffen, aber nur für diesen Artikel und für einen begrenzten Zeitraum lasse ich es nochmal stehen. Lasst euch aus, beschimpft mich in den Kommentaren und bewertet diesen Artikel als Müll, aber mal ehrlich….wir denken viel zu wenig über so etwas nach, denken zu wenig darüber nach wie unsere Außenwirkung wirklich ist. Haben wir eine desolate Außenwirkung, wie sollen wir da etwas verändern?

Alles hier aufgeführte ist entweder meinem Kopf entsprungen oder es ist mir zugetragen worden von Menschen, die beobachten, diskutieren und eine Meinung haben, die nicht nur dem RTL Nachtjournal oder der BILD geschuldet ist.

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9 Responses to Ist unsere Meinung die einzig wahre?

  1. Nikolay says:

    Habe heute zum ersten mal in Ihrem Blog gelesen, und dann gleich so ein zum Nachdenken anregender Beitrag. Drucke mir gerade andere aus, fuer den Heimweg……Den Vergleich mit den Zeugen Jehovas finde ich leider gelungen.

    • kuschelpunker says:

      Herzlich Willkommen auf meinem Blog! Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und Nachdenken, ich hoffe Ihnen gefallen die anderen Artikel so gut wie dieser. Kommen Sie gut heim!

  2. Sehr schön geschrieben zum Nachdenken und „wahre Worte“, nur muss auch jeder Mensch selber für sich entscheiden was er will und wie er sein Leben am einfachsten meistert!

    • kuschelpunker says:

      Da sind wir uns einig, ich wollte auch niemanden erzählen wie er sich zu verhalten hat. Lediglich das Nachdenken vergessen leider einige oft, bzw. zu oft.

  3. Da hast du recht, jeder muss für sich selber entscheiden und das was du schreibst ist deine Geschichte und dein Weg und wie gesagt „wahre Worte“, ich sehe es genau so! Thema Nachdenken: Ich kann dir genau sagen warum das so ist und die Leute vergessen Nachzudenken! Die Leute denken deshalb nicht nach, weil der Alltag für viele zu stressig ist (Familie, Arbeit, Rechnungen) und was neben passiert ist Ihnen doch egal, solange es Ihnen gut geht! Das war früher so und wird auch bei vielen so bleiben, leider!

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  5. jekylla says:

    GMTA 😉

    Im Ernst, sehr gut geschrieben und ich finde mich in ganz vielen Dinge wieder. Und vor allem so… vorausschauend…

    • kuschelpunker says:

      Da freu ich mich sehr…und….ja, im nachhinein betrachte schien ich wohl eine Vorahnung gehabt zu haben.

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