Gruppendynamik

Menschen, die sich mit anderen Menschen zusammentun haben grundsätzlich mindestens ein Problem. Vielen ist es nicht bewusst, aber in einer Gruppe schaffen es nur die Wenigsten individuell zu bleiben. Wir passen uns an, ein sehr gutes Beispiel ist eine Menschenmenge die eine Straße entlang geht, irgendwann wird sie automatisch in einen Gleichschritt fallen und das Dröhnen der aufstampfenden Füße wird auf die meisten beflügelnd wirken.

Es gibt Gegebenheiten, gegen die können wir uns nicht wehren. Gruppendynamik ist das Zauberwort. Menschen müssen einander nicht kennen, diese Voraussetzung muss nicht gegeben sein, der Mensch ist ohnehin ein Herdentier. In Gesellschaft fühlt er sich wohl, genießt den sozialen Kontakt, auch wenn er als einzelner nicht im Mittelpunkt steht. Glaubt ihr mir nicht? Ein ideales Beispiel hierfür ist eine Halle, ein Stadion, ein Konzert. Unweigerlich verfallen wir bei Anfeuerungsrufen in monotonen Gleichklang mit unserem Nebenmann. Wir lassen uns anstecken, ehe wir uns versehen brüllen wir den Refrain eines Liedes mit, wippen zur Musik, ballen die Faust und grinsen uns eins, denn wir sind Teil von etwas. Ob es etwas großes ist wissen wir nicht, aber es interessiert auch nicht weiter, alles was wir wollen ist für einen gewissen Zeitraum den Kopf ausschalten, wollen lachen, fühlen und uns mit jemandem/etwas verbunden fühlen. Keine schlechte Sache, kein Problem…glauben wir, doch Gruppendynamik ist nicht immer positiv zu sehen.

Speziell das Konstrukt des „Fanseins“ ist problematisch zu sehen. Ein Fan ist ein begeisterter Anhänger einer Sache, einer Person, eines Vereins, einer Musikgruppe. Er geht dafür auf, opfert Zeit, Geld und Emotionen. Poster, Shirts, Trikots, Quietscheentchen, Merchandising lebt, ist ein wichtiger Bestandteil des Einnahmeportfolios des Angebeteten, der Sache, des Vereins. Weite Reisen werden in kauf genommen, Urlaubstage umgelegt, oder kurzfristig beantragt alles um den Stars ganz nah zu sein, sich mit Gleichgesinnten zu treffen, ausgefeilte Choreographien zu zeigen und seinem oft monotonem Lebensalltag mit Leidenschaft zu begegnen. Genau diese Leidenschaft ist es aber, die Probleme verursacht. „Band xy ist viel toller als Band ab!“ – „Verein cd ist viel besser und überhaupt als Verein vw!“ So beginnt es, bleibt aber nicht dabei, kann es nicht. Es folgt unweigerlich eine Unterhaltung, vielleicht gar ein Streitgespräch über Vor- und Nachteile, über Erfolge und Misserfolge. Spott, Angeberei, tolle Zukunftsaussichten und das Vortragen von Fangesängen, die den anderen aufs Korn nehmen, sind keine Seltenheit. Ein gemeinsamer Nenner wird vielfach nicht gefunden, Verständnis für die Gegenseite ist oberflächlich, oft nicht ernst gemeint und wird von unterschwelliger Abneigung begleitet.

Der Liebe, der Leidenschaft werden oft keine Grenzen gesetzt, mit Haut und Haar für eine Sache, mit aller Macht! Was dabei herauskommt ist gerade vermehrt zu beobachten. Die Menschlichkeit wurde abgeschafft, hat sich selbst abgeschafft. Was ist ein Mensch im Vergleich zu meinem Verein? Rücksichtslos werden die eigenen Gefühle denen anderer vorangestellt, übertrumpfen sie um mehr als Haupteslänge. Getreu dem Motto: „Deine Meinung interessiert mich nur wenn sie meiner entspricht!“ „Randalefan“ las ich, von „personalisierten Eintrittskarten“ habe ich gelesen, „Stadionverbote“ und was nicht alles noch, es geisterten diverse Wortschöpfungen durch die Presse. Verachtung sprang dem Leser ins Gesicht, der Fan ist ein randalierendes Subjekt, er ist gewaltsüchtig und will sich nur austoben, was auf dem Platz passiert interessiert ihn gar nicht. Die Faust in der Tasche geballt, Pyro im Stiefel versteckt, so wartet er auf „seinen“ Moment. Anfeuern, in zweierlei Hinsicht, so muss das sein. „Hooligan“, so werden wohl ab demnächst all jene betitelt die es wagen sich eine Eintrittskarte zu kaufen. Einfach mal pauschalisieren, ob die Karte für einen 12jährigen ist? EGAL – der wird bestimmt von seinem Vater angestachelt und zündet daraufhin Knallkörper im Block.

Die Vereine sehen sich machtlos, werden nicht müde auf die Gesellschaft zu verweisen, unermüdlich fordern sie Hilfe und bekommen Polizisten. Vielfach als Provokateure gesehen, sind sie in den Kurven nicht willkommen, stören schon den Gang zum Stadion und ernten mehr Spott und verachtende Blicke als Heidi Klum auf einer Versammlung der „Anonymen Dicken“. Gewalt erzeugt Gegengewalt, schafft Unruhe und spielt mit der Abscheu der Menschen. Fühle ich mich sicher wenn neben mir eine Hundertschaft steht? Nein, denn ich kann nicht wissen wie der „Marschbefehl“ lautet. So gepanzert wie die Schildkröten sind, tun dir mir mehr weg als das sie mir helfen, denn dies ist nicht ihre Aufgabe. Es soll unterbunden werden, der Keim soll erstickt werden und ich stehe später an der S-Bahn und bekomme von einem gefrusteten Polizisten seine Armschützer in die Rippe, ich rückte ihm auf die Pelle, ungewollt, er weiß es nicht, das bekomme ich zu spüren. Beim nächsten mal werde ich ihm mit Absicht zu nahe kommen und dann….ja, dann bin ich nicht besser als jene, die Randale als Sport betreiben!

Die ganze Diskussion über randalierende Fans, über Hooligans, über Verantwortlichkeiten wird sich verlaufen, am Ende bin ich einer derjenigen, der auf seinen Nebenmann achten muss, Hilfeholend werde ich hoffentlich genug Gruppendynamik erzeugen können um ihm seinen Pyro- und Randaleblödsinn ausreden zu können. In dem Fall könnte der Herdentrieb des Menschen dann zu etwas Gutem nütze sein!

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