An diesem Nachmittag wahren wir frei

Der heute lebende Mensch braucht ein Wertesystem. Alles muss bewertet und mit einem Label gekennzeichnet sein. Dinge einfach so zu sehen wie sie sind, so zu interpretieren wie jeder es für sich möchte scheint eine sehr schwierige Angelegenheit zu sein. In Schubladen müssen wir jeden Menschen, jedes Erlebnis packen. Alles muss ja seine Richtigkeit haben, geordnet möchten wir durch die Welt gehen, immer mit dem Blick auf die nächste Statistik, die uns genau sagt wo wir stehen.

Ich habe gestern einen richtig schönen Tag verbracht, einen, den man sich so oft wünscht und doch so selten hat. Nein, ich habe nicht den Hauptgewinn im Lotto, obwohl man es doch so sehen könnte. Ich habe gestern Zeit mit einem, zeitweise auch 2 Menschen verbracht, die einfach so einen Nachmittag mit mir verbringen wollten. Es ging nicht darum wer den Größten hat, wer was wann und warum erreicht und gemacht hat. Es ging nur um eines – Zusammensein! St. Pauli im TV, kühles Bier in der Hand und reden ohne Sinn und Verstand. Nun gut, St. Pauli unterlag Eintracht Braunschweig, doch der Trübsal war nur kurz zu Gast. Auch gelegentlicher Regen hat nicht weiter gestört.

Da mein lieber Kumpane mal in meiner Gegend wohnt wurde noch eine nostalgische Tour durch die Gemeinde gemacht. Schnell noch eine Tüte Bier besorgt und dann ging sie los, die Reise in die Vergangenheit. Alte Geschichten, Orte an die sie geknüpft sind und unser Bier. Melancholisch sind wir zeitweise gewesen. Ein wenig verwirrt, denn Erinnerungen decken sich nun mal nicht immer. Dennoch fröhlich, so saßen 2 Punker auf einer Bank, schauten in die Szenerie, begrüßten unbekannte Passanten und freuten sich.

„Weißt du noch wie wir….“ Ich habe keine Ahnung wie oft wir so angefangen haben und ich habe keinen Plan wie oft wir danach in lautes Gelächter gefallen sind. Passanten bestaunten uns, wir grinsten ihnen ein entspanntes „Hallo!“ entgegen. Irgendwie aselten wir rum und doch passten wir nicht wirklich in diese Schublade. Vollständige Sätze, ein gekünzeltes „Prosit!“ und keine Pöbeleien. Die einzige Musik die von uns kam war ein fröhliches Lied unserer Erinnerungen.

Ja, wir sehen uns nicht mehr oft, weder mein Kumpel und ich, noch wir und die Erinnerungen. Die Iros sind ab. Bei ihm, weil die Haare vor seinem Gesicht weglaufen und bei mir, weil ich es nicht mehr will. Springerstiefel tragen wir beide noch, an den Füßen und im Herzen. Uns ist es nicht egal was um uns herum passiert und doch müssen wir nicht alles werten, statistische Erhebungen helfen uns beim Schwelgen und Träumen nicht weiter. Die Blicke der vorübergehenden Menschen, wir nehmen sie kaum noch war. Würden wir es, wir könnten in ihren Köpfen die Schubladen auf- und zugehen sehen. Ich glaube an diesem Nachmittag sind wir die „Quotenpunks“ im Park gewesen. Lachende Exoten, die vom Äußeren nicht zusammenpassen und die doch im Geiste vereint sind.

Wenn die Menschen uns kennen würden, sie würden uns nicht so abfällig ansehen, sie würden ihre Kinder nicht von uns fernhalten, sie würden vielleicht mal mit uns reden. Ein Herr im fortgeschrittenen Alter, er grüßte, prostete uns zu, sprach mit uns. Er riss die Mauer ein, die viele Menschen gerne um meinen Kumpel und mich bauen. Er machte sich die Mühe über den Tellerrand zu sehen und seine Schubladen geschlossen zu halten. Wir fanden heraus, auch dieser Mann war auf seine Art ein Außenseiter, einer mit dem nicht viele Menschen sprechen wenn sie es nicht müssen. Wir dachten an unseren Freundes- und Bekanntenkreis und insgeheim freuten wir uns. Punx, Verkäufer, Studierte, Lebenskünstler, Musiker, sie alle rissen die Mauer nieder, sie alle reden mit uns. Natürlich stecken wir auch bei ihnen in Schubladen und natürlich hatten auch sie ihre anfänglichen Zweifel, es scheint nur nicht mehr zu stören.

„Weißt du noch als wir…“ Ja, ich weiß es noch und ich liebe uns deswegen. Ortsungebunden, Alkoholungebunden und zeitlich unbegrenzt spielen wir mit diesen Erinnerungen, werden nicht satt. Es sind viele Dinge die immer wieder hochkommen, die uns an Menschen denken lässt die nicht mehr da sind, lässt uns an die denken die gerade nicht da sind und mit denen ein Gedanke unweigerlich verbunden bleibt. Sie fehlen und doch gehören sie zur Statistik, gehören in die Schublade, die 2 angetrunkene Punks öffneten und mit Wonne darin badeten wie kleine Kinder.

Wenn ich diesen Sonntagnachmittag bewerten müsste, ich würde ihm die höchste Punktzahl geben, würde ihn in die Schublade mit den schönen Erinnerungen stecken. Ja, auch ich habe Schubladen und auch ich denke gerne mal in Statistiken, aber es sind solche Nachmittag wie der gestrige, die mir die Bedeutungslosigkeit der Schubladen und Statistiken vor Augen führen. Beim Träumen und Schwelgen stören sie nur!

In Erinnerung an diesen Nachmittag:

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