Gefangene der Glorifizierung

Du wirst geboren und beschützt bis du anderer Kassen nützt. – So in etwa kann man umschreiben was sich in den Kinder- und Jugendzimmern dieser Welt tut. Kaum auf der Welt gibt es nur 2 Bezugspersonen. Mama- und Papa – Erzeuger geben sich alle Mühe dem kleinen Zellhaufen das bei zu bringen was man allgemein hin als Benehmen versteht. Nicht schmatzen bei Tisch, beim Husten die Hand vor den Mund halten und nicht öffentlich, für alle sichtbar, in der Nase popeln. So gehen die ersten Jahres eines neuen Lebens dahin. Bilden sich dann die ersten Gedanken nach dem Motto: „Ich brauch das unbedingt, sonst kann ich nicht einschlafen!“, dann ist die erste Stufe der Glorifizierung erreicht. Es muss unbedingt die Hörcassette von xy sein, denn sonst schreie ich dir die Bude zusammen und das nicht nur einen Abend, wirst schon sehen was du davon hast! Da können kleine Schreihälse unerbittlich sein, man befrage hierzu bitte meine Mutter.

Mit dem Einzug der Pubertät in das Leben von Kind und Eltern, wird es nicht etwa leichter. Der Irrglaube es könnten neue Bindungen in Hirn geschaffen worden sein, welche rationales Denken fördern, ist schlichtweg Wunschdenken von Eltern. In Einzelfällen mag es Ausnahmen geben, allein der Glaube fehlt vielen Erziehenden. Auf einmal kommt zu dem „Ich kann sonst nicht einschlafen!“ ein entspanntes „Ich ohne das nicht leben!“. Die Fähigkeit sich Leben und Tod vor zu stellen fehlt meist, aber die Worte sind schon so geläufig, dass der inflationäre Gebrauch derselben nicht zu verhindern ist. Gemischt mit neuen körperlichen Entwicklungen und den emotionalen Verwirrungen des Erwachsenwerdens, erleben Eltern die ersten Kaufräusche der Kiddis. Poster der Lieblingsband, die neueste CD und im besten Fall das Trikot des Lieblingsspielers. Man muss einiges einfach haben, denn sonst ist man „out“, gehört nicht mehr dazu und verbringt seine Nachmittage trostlos zu hause. Ihr armen Kinder!!! Doch wer sagt den Heranwachsenden was sie haben müssen und was Pflicht ist um der Gruppe zu zeigen, dass man zu ihr gehört? Werbung? Sportsendungen? Es sind die Idole, die Anführer ihrer Gruppe. Trägt dieses Alphatier eine bestimmte Marke muss jeder andere sie auch haben. Nicht unbedingt nur um dazu zu gehören, es geht auch um die Akzeptanz des Alphatieres. Steht der Vorreiter der Gruppe z.B. auf zerissene Jeans und preiswerte ausgelatschte Treter – seine Familie hat vielleicht nicht so viel Geld – dann ist alles andere uncool, da versnobbt. Hat die Familie aber Geld und der Sprößling steht auf selbiges, dann….ich denke hier brauche ich nicht weiter zu schreiben oder?

Idole beeinflussen uns also schon in unserer Kindheit, einmal daran gewöhnt, kann man sich dem in höherem Alter auch nur noch schwer entziehen. Einmal die „Tour de France“ gewinnen, einmal Wimbledon gewinnen….oder einmal wie jemand sein, der man oft nicht sein kann. Speziell die Fußballnation hat an letzterem oft zu knabbern. Wer hat schon die Möglichkeit die Championsleague zu gewinnen? Wer darf denn richtig reich werden um sich die teuren Sportwagen zu kaufen? Doch so sein wollen wir alle, denn wir sind es so gewohnt. Fiktion und Wirklichkeit können gar nicht weiter auseinander liegen als in diesem Bereich. Dabei geht es auch anders.

2 Beispiele fallen mir spontan dazu ein:

Manuel Neuer, Torwart bei Schalke 04, stand schon als kleiner Jung in der Fankurve und ist seinem Verein bis heute treu geblieben. (Grad les ich, dass er ein Angebot von Schalke bekommen hat, laut dem er in den nächsten 3 Jahren 21 Mio Euro verdienen soll!) Wofür wird dieser Fußballspieler nun bezahlt? Für seinen Job sicherlich, für seine gute Arbeit, aber auch für seine Treue, für seinen Charakter.

Holger Stanislawski, noch Trainer des (magischen)FC St. Pauli, steht seit nunmehr 18 Jahren zu seinem Verein, zu seiner Stadt. 18(!) Jahre, Spieler, Vize-Präsident, Sportdirektor und Trainer…hat dieser „Hamburger-Jung“Millionen in der Tasche? Verdient haben wird er nicht schlecht, aber hat er soviel Geld wie ein Lionel Messi, ein mehrfacher Meister seinen Landes, Championsleague-Sieger und Weltfußballer? Stani wird sich auch einige male überlegt haben „Was passiert wenn?“ oder „Was hätte passieren können?“ alles in allem blieb er sich aber treu, blieb er seinen Fans treu.

In meinen Augen sind diese 2 Beispiele Vorzeigecharaktere, auch wenn sie jetzt gehen oder vielleicht zu einem anderen Verein gehen werden, so haben sie eine tadellose charakterliche Stärke bewiesen und sind in meinen Augen die Idole, die viel mehr Menschen brauchen könnten. In unserer schnelllebigen Welt, in der sich alles nur noch um das Gestern dreht, sich alles nur noch um das Geld von morgen dreht und Schwächen herauskristallisiert werden, damit auch das letzte Revolverblatt noch seine Auflage halten kann, wird viel zu wenig von den positiven Dingen in der Welt, der Welt der Idole berichtet. Sicherlich hat auch jedes unserer Idole seinen kleinen individuellen Fehler, aber genau deswegen mögen wir sie ja manchmal auch, oder?

Heldenverehrung im allgemeinen halte ich dennoch für unnötig. Jeder solle sich doch bitte an seine Erziehung erinnern, in sich gehen und sich morgens im Spiegel betrachten um zu überlegen wie er selbst behandelt werden möchte und wie er anderen in Erinnerung bleiben will…und dann braucht keiner mehr Idole, Führer oder gar einen Gott!

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