Neue Casting-Saison, neues Seelenfutter für die Musikindustrie

Es ist eine schöne Zeit gewesen, eine Zeit in der wir uns nicht fremdschämen mussten. Gut, ein wenig hat es gefehlt. Mal ehrlich, so unter uns Gebetsschwestern – ist es nicht immer wieder erbaulich, wie selbstüberschätzt und merkbefreit sich einige Menschen, zumindest halbfertige Menschen, in die Öffentlichkeit trauen? 5 Minuten Ruhm, 5 Minuten, die ein Sprungbrett fürs neue Leben sein sollen. Chancen? Bei einigen unterirdisch, bei anderen erstaunlich hoch, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag. Wer meinen Blog schon länger liest wird es wissen – ich bin ein Trash-TV-Junkie. Ich quäle mich, nicht nur für euch, durch die Vorentscheide der Shows. Dabei ist es mir egal ob es Heidis „Germany´s Next Tittenmodel“, der Tötensen-Dieter mit seinen markenten Sprüchen, oder der maximal pigmentierte Tanzbär aus Berlin ist. Ich tue mir alles an – sofern es meine Zeit erlaubt. Gelegentlich kollidiert meine Droge mit interessanten Filmen, Krimis, oder guten Komödien – ich halte durch!

In einem Selbstversuch stellte ich mich schon einmal der Frage wie viel Alkohol man trinken muss um den Krempel ertragen zu können. Mein heutiges Fazit: Es kann nicht genug sein. Grausam werden Augen und Ohren strapaziert, unterirdische Sprüche in die TV-Welt posaunt und in jeder Werbepause frage ich mich warum ich mir das antun muss. Fremdschämen ist einfach durch nichts zu ersetzen. Der Putenparker, die Schamesröte und der Griff zur Flasche – Punkerherz was willst du mehr? TV liefert Gründe zum Trinken. Möchte mal wissen was die Suchtbeauftragte unserer Republik dazu zu sagen hat. Fernsehen macht süchtig – ist nun keine wirklich neue Erkenntnis. Fußball und Alkohol gehören irgendwie zusammen, aber Trash-TV und Alkohol? Hat das mal einer untersucht?

Heute Abend sehen wir also wieder moppelige Teenies in viel zu engen Oberteilen, jede Presswurst wäre neidisch. Ich kann mich doch nicht kleiden wollen wie die geschlagene Sängerin aus Barbados, aber ne Figur haben wie zwei von ihr. Irgendwas passt da in der Selbstwahrnehmung nicht so ganz. „Ich hab mich Heute für euch hübsch gemacht.“, danke, Fehlschlag,nächster Versuch bitte! „Freunde von mir meinten, ich kann voll gut singen.“, alleine für diese Aussage möchte man den Freunden Zyankali in den nächsten Wodka-Redbull schütten. Mein Kühlschrank gibt besser Töne von sich als einige der Mädels – und der surrt nur vor sich hin! Wunderbar sind ja immer wieder die Betteleien der angehen Stars, da wird geweint, gemeckert, auf die Welt, die Jury – vor allem auf die Jury – geschimpft und das eigene Versagen nicht ansatzweise für möglich gehalten. Da ist sie wieder die Selbstüberschätzung! Doch gehen wir nicht zu hart mit diesen halbfertigen Menschen ins Gericht, sind sie doch nur das Opfer ihrer „Freunde“, falsch verstandener Elternliebe und dem Drang Idolen nacheifern zu müssen. Es wird ja auch in jeder Zeitschrift, auf jedem TV-Sender erzählt: „Jeder kann es schaffen auch DU!“

Die Ausnahme haben die Regel, oder so. Gelegentlich kommt da ein gut aussehendes Mädchen auf die Bühne, welch Wunder das sie genau in das Konzept passt, kann einigermaßen singen und überzeugt so auf ganzer Linie. Solche Mädchen sind es, die dann erklären, sie hätten erst überredet werden müssen. Da könnten die Freunde glatt mal was richtig gemacht haben. So scheint es auf den ersten Blick, doch schon innerhalb der nächsten 2 Runden (Re-Call und Re-Re-Call auf Neudeutsch!) zeigt sich ein anderes Bild der Schönen. Keinen Ehrgeiz, lernresistent und zu unserem Vergnügen eine Zicke, da könnte Kader Lot neidisch werden.

Am Ende gewinnen die, die am meisten Sex ausstrahlen, in den Umfragen weit vorne liegen, sich ein wenig Text merken können und noch recht passabel, aber nicht überdurchschnittlich gut, singen können. Nur ein Wort: Gesamtpacket. Sex sells! Man(n) schaut sich ja auch viel lieber ein Musikvideo mit ner rassigen Frau an als zu zu sehen wie ein pickliges, fettiges Nerd-Kind durch die Fernsehlandschaft wabert. Teenies brauchen Idole und die Idolmaschinerie läuft ab heute Abend wieder an. Popstars wird am Freitag gefolgt von X-Faktor (ist das nicht eine Mystery-Serie auf RTL II?), dem Format dem Sarah Connor (irgendwer kam auf die Idee das Frauchen „Pop-Prinzessin“ zu nennen – warum auch immer) vor zu stehen scheint. Irgend ein Zugpferd braucht halt jede Sendung. Ja, ein wenig warten noch und dann haben wir ihn wieder….unseren Dieter. Im Frühjahr 2011 soll es wieder soweit sein. Die Castings sind wohl schon beendet, aber RTL braucht ja auch noch ein wenig Zeit um seine Sprüche zu den richtigen Trümmerfiguren rein zu schneiden.

Es steht uns wieder ein bewegenden halbes Jahr bevor, ehe das Heidi wieder „Gib mir was zu essen!“-Mädchen an den Rand des Hungertods treibt. Aus mir unerfindlichen Gründen freue ich mich auf diese Musik-Castings der Marke – „Wir suchen ein gutes Gesamtpacket, ist uns egal ob du singen kannst wenn du scheiße aussiehst!“ Desillusioniert werden auch diese Weihnachten wieder junge Menschen unter dem Baum die CD ihres neuen Idols auspacken, ein Idol aus genau der Sendung mit der die Desillusionierten ihr mageres kleines Leben aufpeppen wollten. Wieder ein Kartenhaus zusammengestürzt und das obwohl die kleinen doch extra die Schule schwänzten oder sie gar abbrachen, denn ihre „Freunde“ sagten ja, man könne singen und müsse die Chance nutzen.

Schauen wir mal was aus dem leer gecasteten Deutschland noch für die Musikindustrie raus zu pressen ist, Träume und Seelen der Teilnehmer haben sie schon, jetzt kommt das wichtigste, jetzt muss ordentlich Geld damit verdient werden!

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2 Responses to Neue Casting-Saison, neues Seelenfutter für die Musikindustrie

  1. Andy1 says:

    Sehr schön geschrieben, denn Artikel unterschreibe ich Dir, ein Satz vorallem, nämlich
    „Sex verkauft sich von allein“.

    Irgendwie, soll uns vorgemacht werden, das es Menschen und Schicksale gibt, die noch
    „schlechter“ dran sind als wir.

    Also totale Mitleidsmasche.

    Dieter Hildebrandt sagte über das Fernsehen einmal sehr treffend, „Gebühren verordneter,
    Hausfriedensbruch“, man kann sich nicht wehren, sie sind im Wohnzimmer, es hilft nur das „elektronische Lagerfeuer“ auszulassen und sich ein gutes Buch zu nehmen.

  2. kuschelpunker says:

    Ich empfinde solche Sendungen ja wie einen Verkehrsunfall – es ist scheußlich, aber man kann einfach nicht wegschaun!
    Schönes Zitat von Hildebrandt hast du da rausgesucht. Ich kann dem nur zustimmen.

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