Mach es besser Punkermädchen!

Es geht immer weiter, ob wir wollen oder nicht. Klingt komisch, ist aber leider so. Als ich Heute nach einem gemütlichen Mittagessen bei meiner Erzeugerin in die Niederungen des ÖPNV eindrang wusste ich noch nicht was ich mal wieder zu sehen bekomme.

Nach einem kurzen Zwischenspiel, ich musste noch was erledigen, machte ich mich wieder auf den Weg ein öffentliches Transportmittel. Begab mich wieder an eine der vielen Haltestellen für den ÖPNV. Genüsslich ziehe ich eine Zigarette aus der Schachtel, sehe mich um, zünde den Sargnagel an und bemerke nur, wie eine, nicht unerhebliche, Menge an einem Punkermädchen mit Kind hängen bleiben. Ich hatte sie erst nicht gesehen, warum auch, ist es doch keiner der Anblicke, die mich stören könnten. Liebevoll kümmerte sich die bunt frisierte um ihren kleinen Sohn. – Es stellte sich später heraus, er war grad 2 Jahre alt. Immer ein wachsames Auge auf den Kleinen gerichtet, schien die junge Frau sich nicht an den Blicken zu stören. Wohl ein gewohnter Zustand. Wie könnte man auch auf die Idee kommen, dass solche Menschen sich fortpflanzen? Punker haben doch keine Daseinsberechtigung. Wie kommt man denn auf so etwas?

Ich sah mir die Gesichter der umherstehenden Menschen an. Alte, zum Teil sehr verbrauchte Gesichter, die voller Abscheu und Missgunst auf die beiden Geschöpfe blickten. – „Toll, die is bestimmt arbeitslos, lebt von HartzIV und kann sich den ganzen Tag um ihr Kind kümmern, wenn sich die Alte nicht schon morgens besäuft!“ Auf die Idee zu kommen, dass es Menschen gibt, die nicht 08/15 sind und trotzdem ein gutes Leben führen können, kommt keiner der stechenden Blicke. – Im Bus stellte sich übrigens heraus, dass der Mann/Freund des Punkermädchens im Hafen arbeitet und alleine seine kleine Familie ernähren kann. Davon will aber keiner was wissen. Immer schon vorverurteilen. Als der Junge ruhig gestellt werden sollte, gab es – bestimmt zur Überraschung vieler Anwesenden – keine Haue, nein, es gab was auf die Ohren. Es gab Musik für den Kleinen. mp3-Player an und dem Jungen einen Stöpsel ins Ohr gesteckt….siehe da, Ruhe war im Karton.

Ich achtete weiter auf die umherstehenden und staunenden Menschen. Einige schienen die Situation nicht richtig fassen zu können. Wohl aus eigener Scham, drehten sie sich weg. Wer konnte schon mit so etwas rechnen? Grinsend stieg ich in den großen Mercedes ein. Eine Station später stieg eine junge Mutter, ihr Kind trug sie in so einer Umhängeschleife auf der Brust, mit Kind und Freund in den Bus. Sie setzten sich wie selbstverständlich fast neben das Punkermädchen. Es stellte sich dann heraus, dass die sich kannten und das nicht erst seit gestern. – Daher auch meine Informationen über den Lebensgefährten des Mädchens und den Familienumständen. – Sie unterhielten sich eine ganze Weile, als würde niemand im Bus auf sie sehen. Eine ältere Dame, ich schätze um die 70 Jahre alt, stierte so lange auf die bunten Haare und das normal angezogene Kleinkind, bis sie die Blicke der jungen Mutter mit den „komischen“ Haaren traf und sie sich, wie viele vor ihr, wegdrehte um die Reaktion der Mitmenschen zu taxieren. Sie sah mich an, ich schüttelte mit dem Kopf, die ältere Frau sah wieder weg. Ich glaube so langsam gingen ihr die Blickrichtungen aus.

Als ich dann ausstieg, grinste ich mir eins. Von Vorurteilen durchsetzt, bewegen sich viele meiner Mitmenschen durch das Leben. Selbst Jugendliche, natürlich auch hier nicht alle, können nur auf das hören, was ihnen ihre Eltern erzählen. Gibt es eigentlich Kindermärchen, in denen Punker die bösen sind? Ich weiß es nicht und schreiben werde ich so etwas sicherlich nicht. „Saufen, saufen, jeden Tag nur saufen!“ – hört bei Punkern dann auf, wenn sie Verantwortung bekommen. Nicht immer, speziell wenn es um Arbeit geht sind da einige sehr resistent, aber in diesem Fall geht es um die Erziehung eines Menschen und ich kann nur hoffen, dass dieser Mensch toleranter, großzügiger und freigeistiger erzogen wird als die Menschen, die verachtend auf seine Mutter starren und ihr den Dreck unter den Nägeln, geschweige denn das Glück gönnen, dass sie jeden Abend ins Bett bringt!

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3 Responses to Mach es besser Punkermädchen!

  1. Andy1 says:

    Vorurteile, oder Angst vor anderem, was nicht so im äußeren ist wie Sie selbst.

    Überraschender ist, wenn sich solche Parteien dann in einem Raum treffen und miteinander reden, da sind schon die komischsten Geschichten draus geworden, wenn dann beide feststellen, das sie garnicht so verschieden sind.

    Schlimmer finde ich ,wenn die „Spießer“ keine Meinung oder keine andere Herangehensweise, als ihre eigene zulassen, sind wir wieder bei „Alterstarrsinn“? 🙂

  2. kuschelpunker says:

    ich befürchte wir sind leider nicht nur bei „alterstarrsinn“, sondern gerne auch bei jugendlicher lernresistenz bzw. ignoranz allem gegenüber was nicht gerade hipp oder inn ist.

  3. Andy1 says:

    Der „Tribut“ den die „Spassgesellschaft“ von uns fordert, denke ich trifft es besser.

    In New York der 90er Jahre waren die „teueren Turnschuhe“ ein „Tötungsgrund“.

    Traurig aber wahr, diese Welle schwappt seid geraumer Zeit auch zu uns, und Ignoranz zieht sich durch alle Schichten.

    Wenn man mal die derzeitige Gesellschaftsform in wenige Worte fassen möchte, kommt man beim Feudalismus (leider Rückschritt) raus, alles andere wie „Turbokapitalismus,etc.“ ist nur Umschreibung der derzeit vorherrschenden Struktur, das der Mensch dabei als „Übel“ angesehen wird, ist schon so was von schlimm, das mir im Moment die Worte fehlen.

    P.S. Alterstarrsinn hatte ich mit Absicht in „“ gesetzt, damit meine ich das es nicht auf ein „Alter“ beschränkt sein muss.

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