Wieder artig nach unten getreten

Nach einer langen Zeit in der ich mich in meinen vier Wänden verbarrikadierte, habe ich mich am letzten Wochenende mal wieder aus dem Haus getraut. Ging ja auch nicht anders, hatte meine Liebste doch zum Auflaufessen geladen. Wer kann da schon nein sagen? Ich nicht, soviel steht mal fest. Erst am Montagmorgen verließen wir uns. Sie zur Arbeit und der Kuschelpunker wieder nach Hause. Erst noch schnell nach Hamburg-Altona ein Monatsticket kaufen. Windig und ein wenig feucht waren die Straßen. Köpfe sind nur halb, oft sogar noch unter einem Regenschirm verborgen, zu sehen gewesen. Ich schlich, ebenfalls in gedrungener Haltung, an den Mensch vorbei. Hier und da noch elfengleich einigen Regenschirmspitzen ausweichen, bahnte ich mir also meinen Weg. Ich blieb unverletzt.

Bevor ich das Bahnhofsgebäude betrat viel mein Blick auf einen älteren Mann. Alleine saß er auf einer Bank, zählte sein gesammeltes Leergut und schweifte mit seinem Blick immer wieder von der Pfandtüte hin zu seinem „Spendeneimer“. Ich konnte nicht sehen wie viel, oder ob überhaupt etwas in der Büchse gewesen ist. Ohne Kopfbedeckung und mit löchriger Kleidung saß der Mann mitten in diesem unwirklichen Wetter. Mein flüchtiger Blick zurück lies mich ein wenig Freude aufkommen. Versteht mich bitte nicht falsch, aber ich freute mich einfach, dass es immer noch 359 Oironen in meinem Leben gibt, die mich von so einem Schicksal trennen. Bekannter weise bin ich ja einer der Beschimpften des Herrn Westerwelle. Ich bin einer derjenigen, die zu faul sind zu arbeiten und den ganzen Tag nichts anderen machen als sich Trash-TV an zu tun und schon am Nachmittag die halbe Kiste Bier alle haben. Mein Oberstübchen ist fast leer. 2 Gehirnzellen habe ich noch, schade, dass die eine auf Urlaub und die andere Krank ist!

Ich habe in den vergangenen Tagen immer wieder die Zeitungen gelesen, meinen Feedreader aufmerksam durchforstet, mit dem Ergebnis, dass mir eine Welle der Verachtung entgegenschlägt. Ich bekäme für mein Leben noch zu viel Geld und sollte mich was schämen auf Kosten anderer zu leben. Gerade die große Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben hat ordentlich, natürlich mit starker Hilfe ihrer Leser, auf mich eingedroschen. Das es irgendwann schon gar nicht mehr verfassungstreu vorging ist leider nicht verwunderlich. Die Würde des Menschen ist unantastbar? Entschuldigst wenn ich jetzt einfach mal laut loslache. Wenn ich höre oder lese, dass die faulen HartzIV-Schweine doch mal mit dem Saufen aufhören sollen, denn dann könnten sie sich ja einen Job angeln, dann ist das erniedrigend. Es ist, für mich persönlich, erniedrigender als meine Besuche auf dem Amt. Selbst die Erfahrung mich auf ein Bier einladen lassen zu müssen, denn nur so können mich meine Freunde überhaupt noch sehen – Geld ist bei mir halt Mangelware – ist nicht so schlimm wie solche gedruckten Worte. Zu gerne würde ich solchen Menschen mal gegenüber stehen. Doch was würde ich denen sagen? Ich glaube ich würde, aus Scham mich mit ihnen unter einer Sonne bewegen zu müssen, den Kopf schütteln und schweigend von dannen ziehen.

Ich frage mich, ob solche Menschen die Not ihrer Mitmenschen überhaupt realisieren. Haben die eine Ahnung von dem Minderwertigkeitsgefühl, das seit dem ersten Besuch auf dem Amt das Leben bestimmt? Kennen die vielleicht das Gefühl während der Woche sparen zu müssen, damit ein Wochenendbesucher nichts von den Umständen mitbekommt und nicht darunter leiden muss? Ich verstecke mich nicht, gehe offensiv mit dem Thema um. Seit 4 Jahren ohne Arbeit und mit genug Schulabschlüssen für drei Jugendliche ausgestattet lebe ich jeden Tag mit gut gemeinten Ratschlägen, mitleidigen Blicken und kritischen Aussagen (oft negativer Natur!) einiger Mitmenschen. Eigentlich kann ich keinem zitierten Leser einen Vorwurf machen, denn es gibt leider zu viele schwarze Schafe. Da ist es dann wieder, das von allen Menschen geliebte Schubladendenken. Immer feste von oben drauf. Erst treten, dann kann man ja immer noch fragen.

Es ist doch uninteressant, dass viele HartzIV-Empfänger sich in Fortbildungen befinden. Der Wille zum Erlernen neuer Fachkenntnisse ist also da. Ach ja, ich vergaß ja, dass diese Menschen in den offiziellen Statistiken nicht auftauchen. Also beziehe ich weiterhin mein Geld, lerne artig etwas über Mashups, dem Web 2.0 und der Auswirkung desselben auf die Strukturen in Verlagen. Was kann ich schon machen? Sollte ich den Schritt an die Öffentlichkeit wagen und mich der 4-Buchstaben-Zeitung als Interviewpartner anbieten? Ich glaube nicht meine lieben Leser. Dennoch wünschte ich, dass einige Menschen mal in ihrem Bekanntenkreis etwas genauer hinschauen, denn irgendwo verstecken auch die einen HartzIV-Empfänger unter ihren Bekannten, da könnt ich drauf wetten. Obowohl….lieber nicht, denn sollte ich gewinnen muss ich das angeben, was eine Kürzung, der von mir bezogenen staatlichen Spendengelder zur Folge haben könnte!

Ich gebe zu, dass viele meiner Mitmenschen, speziell die Arbeitslosen, auch von mir gerne gemieden werden. Ist nicht weiter schlimm, denn ich mag Menschen allgemein nicht so besonders. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass man einigen Menschen ihre Selbstaufgabe ansieht. Da wird nicht mehr auf das Äußere geachtet, die Kauleiste fault so vor sich hin und die Alkoholabteilung des naheliegenden Discounters ist das zweite Zuhause. So etwas zieht mich runter und so etwas kann ich mir zur Zeit nicht erlauben. Kann sich das überhaupt jemand erlauben? Wieso kann man aber diesen gescheiterten Existenzen wenigstens ein Schweigen entgegenbringen. Ist zwar auch ein wenig demütigend, aber immer noch besser als verbal oder körperlich auf sie ein zu dreschen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, das ist jeden bekannt, so ignorant kann man ja nicht sein, aber wo Gewinner sind, da muss es auch Verlierer geben. Haben die Falschen verloren? Ich kann und möchte dies hier nicht beurteilen, aber vielleicht sollten sich einige mal fragen ob sie die Bewertung eines Menschen durch Geld nicht schon zu Verlierern macht.

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2 Responses to Wieder artig nach unten getreten

  1. LaRocca says:

    Diese Leute, die diese Vorurteile gegenüber Arbeitslose haben, beziehen ihre Meinung ja auch von Bild, RTL und co, die immer die gleichen Extrembeispiele irgendwelcher Schmarotzer zeigen, die offen zugeben,nicht arbeiten zu wollen, die ihr ALG II für Dauerurlaube auf Malle verwenden etc. Natürlich gibt es solche Leute, aber machen die einen eher kleinen Teil aus. Dummerweise verkauft sich sowas nur sehr schlecht. Und die meisten Menschen sind offenbar zu blöd, weiterzudenken und ein bisschen zu differenzieren.

    Dass aber ein Politiker wie Westerwelle, also einer der oberen Menschen in diesem Staat, jemand, der das Volk repräsentiert, so dumm ist, ist eine so unglaublich peinliche Sache, dass ich kotzen muss. Wenn er meint, dass Nixtun und das Gefühl, nutzlos für die Gesellschaft zu sein, so toll ist, kann er ja gern mit dem ein oder anderen Arbeitslosen tauschen. Wär doch sicher eine Win-Win-Situation.

  2. kuschelpunker says:

    guter plan! setzen wir westerwelle auf die gehaltsliste vom arbeitsamt. erstaunlich, dass es ein politiker wagt gegen minderheiten in unserer gesellschaft zu treten, kommt mir irgendwie (geschichtlich gesehen) sehr bekannt vor.

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