Aufstehen und älter werden

Manchmal zerrinnen einem die Tage ja nur so zwischen den Fingern. Man steht auf, sieht sich um und schon ist es wieder Abend. Dann steht man wieder auf, zieht sich die Hose an und schon wieder ist es Abend. Manchmal, wenn ich mich des Nachts zur Ruhe begebe, frage ich mich, was ich an diesem oder jenen Tag eigentlich geleistet habe. Sollte mir dazu mal nichts einfallen, kann ich mir immer noch sagen, dass ich ja aufgestanden bin. Vielleicht habe ich auch mal meine Wohnung verlassen, aber alles in allem weiß ich mit Bestimmtheit, dass es mal wieder nichts epochales gewesen ist. Viel zu oft freue ich mich ja schon, wenn ich mir mal was zu essen gekocht habe. Ein Tag, an dem es dann mal nicht nur den berühmten Käsetoast für den Magen gab. Viele Aufgaben bleiben einfach liegen, weil ich mich frage, ob ich das nicht auch morgen noch machen kann. Gelegentlich vergesse ich dann auch mal die wichtigen Ding im Leben. Neulich lag der Zettel zum Wasserablesen glatt eine Woche auf meinem Schreibtisch ohne das ich auch nur einen Ansatz von Pflichtgefühl verspürte die entsprechenden Zahlen ein zu setzen. Ich glaube so etwas nennt man dann wohl Arbeitslosenlethargie.

Schau ich auf mein Leben zurück, dann fällt mir immer wieder ein, dass ich es gut gelebt habe. Etwas, dass mich dazu befähigt tatsächlich jeden Morgen auf zu stehen. Ich habe meine Pubertät recht gut über die Runden bekommen. Nun gut, die Noten sind nicht immer die Besten gewesen, aber ich konnte doch den ein oder anderen Schulabschluss sammeln. Eine gute Idee wäre es gewesen, wenn ich gleich nach der Realschule mein Abitur gemacht hätte und nicht erst 10 Jahre später. Kann ich die Zeit zurück drehen? Ich glaube nicht, aber das ist jetzt auch egal. Ich habe viele Konzerte mitgenommen, viele interessante Menschen getroffen, eine Menge Unfug gemacht ohne das ich deswegen gleich vorbestraft bin. Unzählige Lieder gehört, eine Menge an Bier, Schnaps und anderen Köstlichkeiten zu mir genommen und ich lebe noch!

Am Samstag, auf einem der letzten Konzerte der Band „Die Schröders“ wurde es mir wieder vor Augen geführt – ich bin älter geworden und habe mich verändert. Als Burger (Sänger der Band) mal die letzten 20 Jahre der Band rekapitulierte konnte ich nur zustimmend nicken. Ich sah „Die Schröders“ das erste mal mit 17 Lebensjahren auf dem, noch recht kleinen Buckel. Um mich herum fast nur Altersgenossen. Ich hatte weniger Kilos mit mir rum zu schleppen und die Band auf der Bühne hatte noch die ein oder andere Falte weniger im Gesicht. Mein Bierdurst war damals schon derselbe, aber da konnte mein Körper gut damit umgehen, Heute brauche ich fast 2 Tage um wieder fit zu werden. Na ja, vielleicht ist meine Leber nur ausgeleiert.

Als ich am Samstag so auf dem Konzert stand, meine Freundin mich glücklich ansah und ich die Worte von der Bühne hört wurde es mir also klar – ich bin älter, nicht unbedingt reifer aber durchaus gesetzter geworden. Ein Umstand an den man sich erstmal gewöhnen muss. Ich traf einige meiner alten Bekannten wieder, damals noch in enger Freundschaft verbunden, sahen wir einige Konzerte dieser Band. Ich glaube insgesamt sah ich „Die Schröders“ am Samstag zum 7. oder 8. mal. Wir haben uns schon verändert. Einige, ich nehme mich da nicht aus, haben etliche Kilos zugenommen, ein anderer wird bald Vater und alle mussten sie ihre Freundin fragen ob sie an dem Abend mit den anderen Jungs spielen gehen durften. Der rebellische Geist liest sich nur noch auf deren T-Shirts. Die wilden und unruhigen Augen früherer Jahre sehen Heute nur noch müde, reglos und gelangweilt aus. Spaß für einen Abend, aber dann wieder an die Brust der Freundin und den schwangeren Bauch mit einer schwangerschaftsstreifenverhindernden Tinktur einreiben. Brav noch an den Geburtstag der Mutter am nächsten Wochenende denken und dann den betrunkenen und sehr geschundenen Körper zur Ruhe betten.

Wer möchte dann denn noch an Rebellion denken? Die Tattoo´s aus dem 19. Lebensjahr verkünden Verrohung. Cannabis, Alkohol bis die Leber nach einem Vertreter schreit und so viele Mädchen, dass man die Namen derselben vertauscht. Die Jungen Mädchen von früher sehen Heute aber auch nicht mehr so dolle aus und Rebellen können sie auch nicht mehr beeindrucken. Der Babysitter hat nicht unendlich Zeit, deswegen schauen sie unregelmäßig auf ihre Uhren. Auch möglich, dass sie, ihre Körper schreien nach so einer Aussage, nur auf die nächste Gelegenheit zur Futteraufnahme warten. Frau will ja nicht das ihr Kreislauf in den Keller rutscht.

Alles in allem freue ich mich aber schon auf meine nächsten Lebensjahre, auch wenn ich dann bei den Konzerten nicht mehr im Getümmel vor der Bühne rumspringe wie ein Derwisch. Ich brauch das Heute nicht mehr, kann gut mit 5 Bieren ein Konzert überstehen ohne mich gleich zu langweilen und auch das Rauchverbot kratzt mich schon lange nicht mehr. Ich zahle Heute, anstatt 5 Mark für 5 Bands, auch schon mal meine 15 Oiro für nur eine Band. Die grauen Barthaare fallen in der Konzertbeleuchtung nicht so auf und so kann ich mich mit meinen 30 Lebensjahren dann noch ein wenig jünger fühlen und gleichzeitig über die „kleinen Kinder“ in der ersten Reihe schmunzeln, denn ich brauch das ja nicht mehr zum Austoben!

Hier noch eines meines Lieblingslieder der Band

Advertisements

2 Responses to Aufstehen und älter werden

  1. Das klingt irgendwie traurig, aber auch wie Gedanken die man sich mindestens einmal im Monat macht.
    Ich finde aber die Erkenntnisse sehr schön. Es strahlt dann wiederrum eine gewisse zufriedenheit aus, eine ganz besondere Art glücklich zu sein.
    LG moi

  2. kuschelpunker says:

    stimmt, so soll und muss es doch auch sein, oder? will man sich den ewig versprechen den strick zu nehmen? kann es ja nicht sein, oder? altern mit würde und anstand, wie so viele andere menschen auch.

%d Bloggern gefällt das: