Gastautor: Tante Heike wird endlich asozial

Ein guter Kumpel von mir hat sich mal die Mühe gemacht für ein Fanzine, seine neu erworbene (Arbeitslosen-)Freiheit ein paar Tage zu dokumentieren, keine Angst, er wird bald studieren. Ist also nur für kurze Zeit arbeitslos. Ich fand das jetzt einfach mal so klasse, dass ich euch das jetzt zum lesen anbieten möchte. Kritik und Lob gebührt hier nicht mir, sondern der Tante Heike (richtiger Name dem Kuschelpunker bekannt)

Es geht also los:

Tante Heike wird endlich asozial

Manchmal packt einen ja auch der Ehrgeiz. Da schaut man zurück auf sein bisheriges Leben und sagt: „Hättest du das mal durchgezogen. Dann wärst du heute besser dran!“ So ging es mir im letzten Jahr und ich beschloss meine Teamkollegen mit den Worten: „Ich geh dann nächstes Jahr mal Studieren.“, zu überraschen.

Auf Grund diverser pädagogischer Entscheidungen beschloss man, mir vor meinem Studium noch mal drei Monate von Vater Staat bezahlten Urlaub zu spendieren. Eigentlich total nett. Was die Geschichte allerdings etwas schockierend macht: ich war in meinem Leben noch nie wirklich arbeitslos! Das sagt jemand, der in den Neunzigern aktives Mitglied der APPD war, der sich gern selbst als Punk bezeichnet und gern mal unter der Woche Einen trinkt. Schrecklich!

Da ich diesem Selbstexperiment freudig gespannt entgegensehe, habe ich beschlossen, dieses Erlebnis mit einem kleinen Tagebuch zu dokumentieren. Also…here we go!

Tag 1: Habe heute nichts von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Weder war ich bei meinen diversen Arztterminen, noch hab ich bei der Fahrschule einen Termin für die Prüfung klargemacht. Der lange Spaziergang mit dem Hund fiel auf Grund des Wetters (das hältst du ja im Kopp nicht aus, was das für ein Tropenwetter heute war) aus und mein Zimmer sieht immer noch aus wie Scheiße. Auch das leckere Abendessen, welches ich meinen Mitbewohnern bereiten wollte, gab’s nur aus der Dose. Außerdem hab ich keine der zwei Bewerbungen für einen Studienplatz fertig bekommen. Wäsche gewaschen hab ich auch nicht.

Dafür hab ich ausgeschlafen, Und täglich grüßt das Murmeltier“ auf englisch gesehen und die Welt (also auch euch!) mit einem Wii-Remote-Controller plus einem Nunchuck in den Händen vor einem schlimmeren Schicksal bewahrt! Oder möchtet ihr gern von spanischen Zombies regiert werden? Nee, ne!? Seht ihr, hab ich heute doch was geschafft! Und so gehe ich um 2:37Uhr mit einem ruhigen Gewissen und – ich selbst bin wohl am überraschtesten – mit nur zwei kleinen Astra, für die ich über zwei Stunden gebraucht habe, im Bauch und Schädel ins Bett und schlafe den Schlaf der Gerechten.

Tag 2: Der Tag beginnt äußerst produktiv. Nachdem ich die Welt zu Ende gerettet habe, führe ich St. Pauli zu einer souveränen Herbstmeisterschaft in der 2. Liga. Nebenbei laufen vier Maschinen Wäsche durch und der Spaziergang mit dem Hund war auch deutlich länger.

Abends kommt meine Frau vorbei und wir erarbeiten einen Plan, nachdem ich jetzt mal meine Zeit so richtig toll nutzen kann – in ihrem Sinne. Frauen sind halt immer so schrecklich vernünftig.

Puhh, ein Glück! Morgen fängt das Wochenende an!

Tag 3: Beginnt sehr erfolgreich. Ich frage nach einer halben Stunde, welcher Wochentag denn heute sei. Nicht so schön ist, dass es erst 6Uhr morgens ist. Ich kann einfach nicht pennen. Setze mich an den Laptop, verfasse diesen Absatz und höre, wie die Gerüstbauer von nebenan seit 6:15Uhr ihren LKW beladen. Ich schaue ihnen dabei zu, nehme etwas Baldrian und haue mich noch mal auf’s Ohr.

Abends wird es noch mal interessant. Meine Frau kommt mit einer Tüte Bier vorbei und endlich trinke ich mal mehr als zwei kleine Bier – es ist ja auch Wochenende.

Tag 4: Mein bislang aktivster Tag steht mir bevor. Zuerst geht’s zum Grillen – dem Frühstück für Hartz IV-Empfänger. Gut, bei Hartz IV bin ich noch lange nicht, aber man kann sich ja schon mal an die Zukunft gewöhnen. Bis dahin sonne ich mich beim Genuss von 41 (!!!) Schaschliks, Cider aus 2L-Flaschen und einer Kiste Astra an der Streesemanndanke Tobi.

Danach geht’s zum Schulterblatt, um hier ein hochinteressantes Kulturereignis zu erleben. Ich probe weiter für eine andere Zukunft, in der ich erfolgreich meinen Uni-Abschluss in der Tasche habe und Millionen scheffle. Im Minutentakt bepöbele ich hippe Noch-Studenten, die sich als Bewohner des Schanzenviertels bezeichnen. Eines muss man ihnen lassen: die legen eine Dreistigkeit an den Tag, die höchstens noch von der Pressesprecherin von Vattenfall übertroffen wird.

Mit Eintreten der Dunkelheit beginnt ein von beiden Seiten (Trainer/Motivatoren – Teilnehmer/Sportbegeisterte) gut geplantes und buntes Sportprogramm. Von Bierflaschen-Weitwurf über Sprint- und Langstreckenläufe, Boxen und Freefight ist alles dabei. Netterweise wird einem wie beim Hamburg-Marathon immer wieder eine kalte Dusche von den Ober-Organisatoren angeboten. Als ich hören muss, dass die Teilnehmer einer Geburtstagsfeier im Jolly Roger extra motiviert werden müssen, lege ich entrüstet einen kräftigen Sprint Richtung Budapester-Straße hin. Kaum am Ort des Geschehens angekommen, möchte ich mir entsprechend Luft machen, werde aber gleich von den Organisatoren mit einer kräftigen Dusche empfangen.

Glücklich und frischgewaschen wanke ich durch eine laue Sommernacht nach Hause.

Tag 5: Spannung, Spannung, Spannung. Unter diesem Moto stand der letze Tag und ich zollte dem Sportprogramm meinen Tribut. Mit einer Halsentzündung der unangenehmen Art startete ich den neuen Tag. Auch dieser recht erfolgreich. Ich verbrachte endlich meinen ersten Tag komplett im Bett. Ich genoss den Tag (Au, au, aua,  mir tut alles weh!“) unter Darreichung heißer Wohlfühlgetränke im Bett meiner Frau – welche auch mit dem Hund vor die Tür ging.

Tag 6: Au, au, aua. Weiterhin fiese Halsschmerzen. Meine Güte, was muss ich leiden. Meine Frau hat ein Einsehen, sie geht mit dem Hund raus und für mich zur Apotheke. Ich hingegen gehe zur Bandprobe, trinke Bier und rauche ordentlich Zigaretten.

Tag 7: Erkenntnis: Arbeitsloser Sex ist auch nicht besser als anderer.

Tag 8: Kumpel Kai kommt heute rum. Von ihm kann ich noch viel lernen, er bekommt nämlich schon seit längerem Hartz IV. So lerne ich von ihm, dass eine ordentliche Rutsche Bier einfach zum Tagesgeschäft dazu gehört. Außerdem hilft er mir beim Stöbern durch diverse Musikstücke meine persönlichen Arbeitslosencharts zusammen zu stellen.

3. Platz: WIZO – Unemployed

2. Platz: Vicky Vomit – Arbeitslos und Spaß dabei (bei youtube falsch betitelt)

1. Platz: Monsters of Liedermaching – Hartz IV

Tag 9: Absoluter Höhepunkt des heutigen Tages ist ein ausgedehnter Spaziergang mit Frau und Hund am Övelgönner Strand. Als die Bier-Vorräte zu Neige gehen (außerdem schüttet es plötzlich wie aus Eimern), verlassen wir die Snob-Lokalität und gehen glücklich wieder nach Hause.

Tag 10: Ich habe ein wenig Angst. Wie fühlt sich heute wohl der Working-Class-Sport Fußball als Arbeitsloser an? Werde ich im Stadion noch respektiert oder machen die Leute einen Bogen um mich? Erleichterung – es ist wie immer. Aber leider kann ich mich mit den Proleten auf den Stehplätzen nicht mehr identifizieren und nutze das Sitzplatzangebot. Eure Armut kotzt mich an! Außerdem ist Sitzen zwar für den Arsch, aber bei weitem weniger anstrengend!

Zu meinem Glück gewinnt St. Pauli auf Grund schönen Fußballs – ein Arbeitssieg ist mir so erspart geblieben.

Tag 11: Ich lerne eine weitere wichtige Lektion: wenn man arbeitslos ist, dann sollte man auch getrost auf Arbeit verzichten. Vor allem dann, wenn man als Security für einen Truck beim Schlagermove angeheuert wird. Sechs (!!!) Stunden körperliche Anstrengung und Hölle plus volltrunkene Bankangestellte, die partout den Weg nicht freimachen wollen. Nene, auf sowas sollte man verzichten.

Das einzig Positive: Endlich kann ich mal wieder ein „Feierabend-Bier“ genießen.

Tag 12: Aua, aua, aua. Mir tut alles weh. Meine linke Hüfte ist geschwollen, meine Knochen schmerzen und mein Hinterteil…nur so viel: sitzen is‘ nich‘. Also wirklich: arbeitslos und arbeiten – das verträgt sich nur ganz schlecht.

Tag 13: Jaja. So Tage können ja ganz schön lang sein. Da macht sich die arbeitende Bevölkerung ja gar keine Begrifflichkeiten von. Den ganzen Tag bei der Arbeit die Nase ganz weit oben, aber vom harten Leben keine Ahnung haben und dann noch auf uns armen Arbeitslosen rumhacken. Ein Leben ist das, ich sag es euch. Ich werde demnächst wohl mal zu Britt gehen müssen und für meine Rechte und mehr Respekt kämpfen müssen. Eintrag in den Terminkalender bleibt aber noch vorerst aus.

Tag 14: Dass ich endlich beide Bewerbungen auf einen Studienplatz abgeschickt habe, gerät zur Nebensache, denn: Mein Leben hat endlich wieder einen Sinn! Ich tauge nicht zum Arbeiten, ich tauge nicht zum faul rumliegen, aber ich tauge zum Kickern! Heute ist er gekommen! Denn was macht der Arbeitslose von heute, wenn er ein gähnendes Nichts auf seinem Konto entdeckt? Richtig, er bestellt im Internet tolle Sachen, zum Beispiel einen Kicker.

Zwar ist das Aufbauen harte Arbeit, aber dann wird man täglich für sein Tun belohnt. Habe in meinem Leben wohl noch nie so sinnvoll gearbeitet. Besonders gut gefällt mir, dass Mitbewohner Markus den Aufbau an sich reißt. Nach anfänglicher Mithilfe und einem anstrengenden Nickerchen später steht das Ding. Ich freu mich!

Tag 15: Ne, heute hab ich keine Lust, was zu tun. Echt nicht. Einkaufen! Wer geht schon einkaufen!? Vollkommen überschätzte Sache. Wir haben hier in Wilhelmsburg so viele Bestell-Essen-Liefer-Lecker-Service-Läden da geh ich doch nicht einkaufen! Vollkommen überschätzt –wirklich.

Oh scheiße, heute ist Deadline und so muss ich doch was tun. Naja, man macht es ja nicht für sich, sondern für die Menschen, die man mag.

Tja, das war mein bisheriges Asitum. Tolle Sache sowas. Und das schönste: Ich habe noch jede Menge Tage voller spannender Abenteuer vor mir. Ich werde euch nicht beneiden um eure Jobs, um die paar Kröten, die ihr mehr habt. Am meisten aber freue ich mich einfach darüber, dass ich zwar auch morgens um 8Uhr in der Bahn in genervte Gesichter schauen werde, ich aber genau weiß, dass die ins Büro müssen und ich ins Bett. Ein Hoch auf den Sozialstaat und euch noch frohes Schaffen!


Advertisements

2 Responses to Gastautor: Tante Heike wird endlich asozial

  1. reizzentrum says:

    Höre ich da als Hintergrundmusik einen gegrunzten Song, der mittels „funffzig juro Gutschein“ vom Hugermeister honoriert wird?

    Schöne Schreibe….

  2. kuschelpunker says:

    so ganz von der hand zu weisen ist das nicht „lach“

    ich werd das kompliment gerne weiterleiten! ich dachte mir schon, dass seine schreibe eigentlich gut zu meiner passt, deswegen auch der gastbeitrag.

%d Bloggern gefällt das: