Punx und ich

Die erste wirkliche Aneinanderreihung warmer Tage ist erst mal vorbei. Der Kuschelpunker hatte damit so seine Problemchen. Man braucht zwar nicht nach zu tanken um um mich herum zu kommen, aber ein wenig Ballast schleppe ich doch mit mir rum. Ich esse und trinke eben sehr gerne, anders gesagt, ich bin einfach zu klein für mein Gewicht. Was soll ich machen? Es gab aber noch andere Anzeichen für den Sommerbeginn. Die Punker sind aus ihren Löchern gekrabbelt.

Ich habe sie so zahlreich gesehen, wie selten in den letzten Monaten. Die Nieten poliert, der Iro mit Haarlack fein hoch gestellt und die Stiefel fest geschnürt ziehen diese pussierlichen Tierchen wieder durch Hamburg. Die Lederjacken noch genauso veranzt, die Aussprache noch immer feucht und alkoholisch durchsetzt ziehen sie lallend durch die Straßen und lassen Kinderaugen leuchten. Soviel Glitzernes und buntes kennt man ja sonst nur von Clowns. Sie spucken in die Ecken und erleichtern sich wo immer sie gerade stehen. Die alten Damen, natürlich etwas anderes aus ihrer Jugend gewohnt, schütteln wie jedes Jahr artig den Kopf und lassen halblaut verlauten, dass es sowas früher nicht gegeben hätte. Dennoch freuen sie sich, wenn ihnen in der Bahn von diesen Subjekten Platz gemacht wird, oder ein Rolator in den Bus gehoben wird. Die Schizophrenie kennt keine Grenzen. Martialisch sehen sie aus, wollen sich unterscheiden von all den anderen. Keine Discos, keine Polohemden von LaKotz und immer einen „selbst erfundenen“ Spruch auf den Lippen. Individuell wollen sie alle sein, gegen statt mit dem Strom schwimmen, doch leider verlieren sie sich gerne mal in ihren eigenen Regeln.

Jeder Mensch ist einzigartig, unterscheidet sich in vielen kleinen Merkmalen von all den anderen. Bei den Punx ist das Pflicht – möchte man meinen. Doch auch hier scheint es Regeln zu geben. Abgesehen von den Sprüchen sind die Klamotten ein wesentlicher Bestandteil des Auferstehens gegen die Gesellschaft. Nahezu eine Pflicht sind zerschlissene Hosen, Springerstiefel – die müssen nicht unbedingt kaputt sein – oder aber die guten alten Chucks. Bei den Jacken ist das so eine Sache. Manch einer schwört geradezu auf seine nietenbesetzte Lederjacke, andere – wie ich – sind da doch eher ein Freund der guten alten Bomberjacke. Buttons müssen aber in jeden Fall sein, gerne auch noch der ein oder andere Aufnäher. Beides sollte politische Aussagen haben. Ich habs da anders gehalten. Meine Jacke ist geschmückt mit Buttons von „Jasmin Wagner“ (Blümchen), NDR1, oder Werbung für ansprechende Alkoholika. Ich habe das Leben nicht ganz so ernst genommen, obwohl die Aussicht einen Tag hungern zu müssen schon sehr ernst gewesen ist. Schlimm war und ist aber immer noch die Plastik-Punk Geschichte.

Zu meiner Zeit tauchten auf Konzerten Jugendliche auf, die vom Aussehen her ganz zu uns passten. Nach dem Konzert zogen sie aber noch auf den Kiez oder einfach zur nächsten Tanke um noch Bier zu holen. Artig mussten sie um 24 Uhr zu hause sein und wenns zu spät war fuhr gerne mal ein BMW vor dem Club vor und der besorgte Vater winkte um auf sich aufmerksam zu machen. „Ganz oder gar nicht“ hieß bei uns die Devise. Entweder man wohnt zu hause, in nem Bauwagen oder nem Abbruchhaus. Schlaft wo ihr wollt, aber bitte entscheidet mal was ihr wollt. Fürsorge, Geborgenheit und Sicherheit, oder frei entscheiden wo und wann man etwas macht. Was mich zum nächsten Punkt bringt – Gesetzestreue.

Ich bin wohl einer der wenigen, der noch nie im Knast saßen, nicht vorbestraft ist und außer einem Bündel an Platzverweisen noch nicht viel mit dem grün-weißen Spaßverein zu tun hatte. Nun kann man natürlich sagen, dass ich mich nur nie hab erwischen lassen, aber ich muss auch sagen, dass ich nach dem Leitsatz lebte, dass meine Freiheit da aufhört, wo die eines anderen Menschen beginnt! Einige meiner Mitstreiter sahen das gelegentlich auch mal anders, aber da halt ich mich raus.

Ein paar Grundregeln haben wir uns unserer kleinen Gruppe innerhalb der großen Subkultur gehabt. Wir schnorrten keine Frauen mit Kinderwagen an und alte Menschen hatten auch damals schon nicht mehr so viel Geld, dass wir es ohne Bedenken erschnorren mochten. Kleinen Kindern staubten wir ihr Taschengeld auch nicht ab. Ich erinnere, dass ich einem Jungen mal eine Mark wiedergab, die er mir in die Büchse legte. Manchmal hat man doch Skrupel. Ein Zeichen dafür, dass die Erziehung meiner Eltern gefruchtet hat.

Ach ja, die liebe Vergangenheit….es hatte alles seine Höhen und Tiefen, doch Heute bin ich schon froh nicht mehr so zu leben. Viele von früher sind tot, oder verstecken ihren Alkoholismus nach wie vor unter dem Deckmantel des Punk. Mit politischem Sendebewusstsein, Rebellion oder dem Aussteigen aus einem komischen Leben hat das für mich nicht mehr viel zu tun. Ausnahmen kenne ich aber auch. Es sind leider nur noch wenige.

Jetzt bleibt mir nur noch eines zu sagen:

Wie jede Subkultur haben auch die Punx ihre Schwächen, aber einen gefestigten Charakter und Mut braucht es allemal um so leben zu wollen/können!

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5 Responses to Punx und ich

  1. Reizzentrum says:

    Tja, was soll man dazu sagen, ausser das jede Zeit „ihre Jugend“ hat. Am schönsten ist es wenn man ehemalige Weggefährten im Anzug trifft und sie indirekt mitteilen, dass ein Eigenheim doch wichtiger ist, als es menschliche Werte jemals sein konnten.

  2. kuschelpunker says:

    es fällt vielen menschen leider oft schwer das gleichgewicht zu finden. sehr schade!

    mit der jugend magste recht haben, wobei auch hier ein werteverfall zu erkennen ist. manchmal kann selbst ich nur mit dem kopfschütteln wenn ich mit ansehen muss, wie die heutige jugend „meine“ subkultur vereinnahmt und nix aber auch wirklich nix anständiges dabei rauskommt. wir wollten vobilder/idole zu haben vermeiden, heute sieht das wohl leider anders aus. wieder ein kleines stück eines eckpfeilers weggebrochen.

  3. leaclow says:

    Der Werteverfäll wurde schon zu Zeiten des Kaisers Augustus um 10 v. Chr. bemängelt;)…Ich fand deinen Beitrag hier sehr eindrücklich. Muss gestehen, das mir die Punkszene Angst macht, vor allem dann, wenn ich des Nachts allein im Bahnhof unterwegs bin. Ich habe zuweilen auch das Gefühl, dass nicht Provokation das Ziel ist, sondern die Verbreitung von Furcht…ich lasse mich aber sehr gern belehren=)

    Viele Grüße!

  4. Reizzentrum says:

    @ leaclow

    Ich kenne einige Punks – war nie selbst einer. Aber ich kenne keinen Punk, der generell agressiv ist. Eigentlich sind das alle recht friedliche Menschen, die eben „dagegen“ sind.

  5. kuschelpunker says:

    @ leaclow

    du tust gut daran nachts ein wenig abstadn von ihnen zu halten. oft sind sie da schon betrunken und man kann froh sein, wenn es nur ein paar sätze in deine richtung hagelt. als frau ist es nachts ja eh immer so eine sache, da is vorsicht besser als nachsicht! generell ist das verbreiten von furcht aber nicht das ziel, ich kann jetzt nicht in jeden kopf hineinschaun, dennoch maße ich mir an zu behaupten, dass abschreckung eher das ziel ist.

    @reizzentrum

    grundsätzlich muss ich dir recht geben, dennoch sind punx gerne mal leichter reizbar als andere. man darf nicht vergessen wo und wie sie leben. da ist kein platz für duckmäuser, da wird schon mal agressiv zur sache gegangen. meist jedoch verbal. ich möchte aber jedem davon abraten in eine schlägerei, bei denen punx beteiligt sind, zu geraten. springerstiefel tun gaaaanz doll aua!

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