Nebel über Hamburg

Wer schon einmal ein glücklicher Mensch gewesen ist, der kann verstehen, dass ein freudiger Moment für vieles entschädigen kann. Momente, die Gedanken formen. Momente, die einen sagen lassen: Zeit bleib stehen! Jetzt! Los! Solche Momente hatte ich an diesem Wochenende. Nein, ich war nicht im Puff! Nein, ich habe keine Lastwagenlieferung Bier bekommen! Ich schaute auch nicht das ganze Wochenende „das Supertalent“ oder „Poppstars“. Ich hatte einfach mal das Vergnügen ein ruhiges Wochenende, eines ohne Stress und Ärger zu verbringen. Ich habe gut gegessen – es geht doch nichts über Hausmannskost von Mutti – und durfte in Ruhe verdauen. Ich musste nicht hetzen weil irgendwer noch irgendwas von mir wollte oder meine chaotische Terminplanung nichts anderes zuließ. Ich konnte mich in aller gebotenen Ruhe aus dem Bett schälen, in stoischer Trägheit Frühstück für 2 machen und bei stumpfem TV-Programm wach werden. Die kleine Shoppingarie am Mittag konnte das Grinsen nicht aus meinem Gesicht vertreiben. Besonders weil ich jetzt weiß, dank an meine Freundin, welchen BH-Geschmack die ein oder andere Frau hat. Dass ich vor einer Rolltreppe stand, an einen Feiler gelehnt und einen Hauswohlfühlanzug nebst ein paar Schlüpfern allen Ankommenden präsentierte belustigte mich dann doch ein wenig.

Nach dieser tollen Präsentation gings schmunzelnd gen Heimat. Die Couch rief, sie schrie regelrecht nach mir. Ein wenig aufwärmen, ein bisschen lesen und dann auf das Sofa sabbern. Wunderbar. Mit Küssen geweckt werden, der Traum lies leider nur die Assoziation eines Hundes statt meiner Frau zu, mühsam in die Küche schleppen und die vorgefertigten Bratkartoffeln von Mutti in die Pfanne haun. Yam yam…. Die Verarbeitung der Zwiebeln im Inneren lässt ein Grollen ertönen. Nein, ich hatte keinen Hunger mehr.

Nachdem dann auch noch der lästige Abwasch erledigt ist begebe ich mich mit einer Flasche Wein, meinen Kippen und einer tollen Frau wieder auf mein Lieblingsmöbelstück an diesem Tag. 20.15 Uhr…Pro7 lädt ein zum zusehen. „Hau den Lukas“ …ach ne…“Schlag den Raab“… eine Stunde Vorgeplänkel. Umschalten auf RTL. TötensenDieter, der sein Leid ungebremst auf uns Zuschauer loslässt und uns mitteilt, dass er dringend einen Deutschkurs für Anfänger benötig. Ach ne…wie jetzt? Zu viele englischsprachige Songs geschrieben? Aber die Sprache spricht und schreibt er ja auch nur mit begrenztem Wortschatz. Die 7. Klasse lässt grüßen.

22 Uhr…Boxen…2 Typen hauen sich eins in die Fresse und bekommen dafür gaaaanz viel Geld. „Mach doch so was mein Schatz.“ – Höre ich meine Frau neben mir sagen, während ich mir überlege ob das bleibende Schäden hinterlässt. Ein guter Kampf, schneller Schlagabtausch. Ich glaube beide sind am Sonntag im Krankenhaus mit Verdacht auf Schleudertrauma. Macht so was Spaß?

Der Judoolympiasieger geht auf Pro7 gnadenlos unter. Die ersten 2 Spiele gewinnt er, dann is Feierabend. Keine Chance gegen einen Stefan Raab, der sich wegen dieses Gegners noch mal extra motivieren kann. Ich glaube so hoch hat noch keiner verloren. Mal lag es an der Technik, mal lag es am Wissen. Immer aber auch an Stefan R., der sich in bestechender Bestform präsentierte.

YouTube ruft. Eine weitere Flasche Wein ist angebrochen. Lecker. Welchen Song suchen wir als nächstes? Bitte keinen von TötensenDieter! Quer Beet durch die Musiklandschaft. Hauptsache laut, hauptsache Spaß! Nach dem Vino köpfen wir unseren Verstand mit Bier.

Sonntag morgen mit nem angeschlagenen Kopf. Es ist wohl doch eher Mittag. Keine hektischen Bewegungen! Der Vogel vor dem Fenster wird zum Feindbild Nr. 1. Die Wiederholung von „Das Supertalent“ läuft. Mir dämmert, dass ich das schon kenne. Egal, irgendwas muss ja flimmern, sonst dröhnen die Bauarbeiter in meinem Kopf einfach zu laut. Ich überstehe diesen Tag irgendwie.

Heute morgen klingelt mein Wecker. Warum kann ich ihn nicht einfach überhören? Ich muss wieder in dieses Hartz IV-Aufbewahrungslager. Warum kann ich nicht einfach liegen bleiben, und 5 gerade sein lassen? Ein Blick aus dem Fenster. Es liegt Nebel über Hamburg.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: