Deutschland im Herbst

Wir haben Deutschland und es ist Herbst. Die Arbeitslosenzahlen sinken angeblich, hier merken wir nichts davon. Ich sitze in meinem kleinen Büro mit einem meiner Kollegen, ob der andere noch kommt werden wir mal sehen. Hier geht man kaputt, hier ist eine minimale Hirntätigkeit vollkommen ausreichend. Hier bekommt man 1,40 €/Stunde, hier macht es nichts wenn man sich Montag und Donnerstag (Freitag ist regulär frei!) krank meldet. Während jeder Unterhaltung mit einem Leidensgenossen platzen Träume. Man fängt hier an und freut sich, denn man kann aus dem Haus und ist wieder etwas Wert. Glaubt man, ich glaubte es auch. Ich bin eines besseren belehrt worden. Früh aus dem Bett zu kriechen und sich in den Morgenverkehr ein zu reihen geht ja noch. Wenn mir aber gesagt wird, dass ich hier erstmal das Arbeiten wieder lernen soll muss ich doch herzhaft lachen. Hier dauert die Mittagspause von 8-16 Uhr.

 

Ich habe hier schon Menschen rumlaufen sehen, die einen Blaumann tragen, ihn anscheinend aber noch nie in die Werkstatt getragen haben. Kein Fleck. Nicht verschwitzt. Ein ganz normales Kleidungsstück das sie zu hause ihren kleinen Kindern vorführen können, damit die stolz auf ihren Papa sind. Eine faust dicke Lüge, aber die Kleinen wissen es nicht besser und Papa hat ja auch immer wieder eine Ausrede für ein früheres Erscheinen, den sauberen Blaumann oder seinen Arbeitsplatz. So erschafft er sich eine Welt in der er gern leben möchte, es aber nicht kann, weil seine Anstrengungen nur halbherzig , oder seine Vorstellungen zu hochtrabend sind. Dem Kind muss er aber ein gutes Vorbild sein, oder wenigstens mal ein nettes Wort von ihm hören. Das Gerede von Träumen und Luftschlössern, die immer gleichen Floskeln, die auch der Vater schon erzählte, dass alles wird dem Kind vorgegaukelt. Der Kleine soll es mal besser haben. Gute Chancen sind da, denn es gibt ein Mehrangebot an Ausbildungsplätzen. Dass das Handwerk heute nicht mehr unbedingt goldenen Boden hat, verschweigt man gerne. Woher gute Deutschkenntnisse kommen sollen, wenn der Junge zu hause und mit seinen Freunden nur die Elternsprache spricht ist ein Rätsel. Ein aufbrausendes Temperament ist gegenüber einem Chef nicht unbedingt angebracht, aber so kennt der Junge es. Wenn einem etwas nicht passt muss man sich dagegen auflehnen. Falsch verstandener Stolz verhindert dann vollends, dass man diplomatisch auseinander gehen kann. Ja ja, man hat es nicht leicht.

 

Wenn ich gleich, in die vorgesehene, Mittagspause gehe, dann weiß ich das der halbe Tag vorbei ist. Ob ich dann was geschafft habe? Keine Ahnung. Wer hier viel, gut und schnell arbeitet hat nach 2-4 Wochen nicht mehr viel, oft auch gar nichts mehr zu tun. Irgendwie den Tag rumkriegen, irgendwie die Zeit wenigstens halbwegs sinnvolle Tätigkeiten ausüben. Zur Not kann man sich ja in den Aufenthaltsraum setzen und ein Buch lesen. Der Raum ist so leer, liegt so abseits, dass keiner der Vorgesetzten einem über den Weg läuft. Ruhe. Einsamkeit. Ein weiterer Versuch mit sich und seinem Leben ins Reine zu kommen. Irgendwie ist man chancenlos. Anfangs will man nicht aufgeben, aber mit jedem Tag in einer solchen Einrichtung schwindet die Tapferkeit, der Mut sich zu ergeben, verschwindet die Hoffnung und die Fähigkeit für seinen Traum zu kämpfen.

 

Vielleicht ist es ja so gewollt, denn ein gebrochener Mann steht nur selten und ungern gegen das auf was ihm nicht passt. Desillusioniert Menschen haben nichts zu verlieren, haben aber ihren Mut und Stolz bereits verloren. Kein Aufbegehren. Nur noch monotone Aussagen. „Mir geht es gut.“ – Ja, gut geht es dir, weil man dir deine Welt so einfach gemacht hat, dass du in einer komplizierteren nur schwer zurecht kommen würdest. Dir geht es gut, weil du vergessen hast wie ein Traum sich anfühlt, wie Hoffnung schmeckt und wo der Regierungssitz ist. Nur einmal möchtest du diese Pfeiffen da oben zu Gesicht bekommen, nur einmal ihre Anzüge sehen, dann….ja dann….würdest du dich ärgern, weil du nichts tun würdest, denn es bringt dir eh nicht viel. Den Kühlschrank macht es nicht voll. Vielleicht einen Aufenthalt im Knast, da bekommst du dann deine 3 Mahlzeiten. Vielleicht bist du dann glücklich. Verändert hast du damit aber nichts, nur dein eigenes Leben im Kopf gehabt. Nur du. Kein Sozialgefühl mehr, sie haben es dir genommen. Einzelkämpfer geworden, so wie die da oben. Die ganzen Reichen. Wer nur an sich denkt kann sich nicht verbünden und einen pöbelnden Mop bilden.

 

Geschafft. Du bist allein, deine Gefühle sind allein. Die da oben lachen, denn bei denen ist es warm und die Vorspeise ihres 4-Gänge-Gerichts schmeckt sehr gut. Mal schnell zum Lidl eine Flasche Wasser kaufen. Die Frage, ist es preiswerter aus der Leitung oder der Flasche? Rechnerei. Jeden Euro 4 mal umdrehen. Zu spät, am 20. nur noch 6 Euro und eine handvoll Pfandflaschen. Zum Glück noch Reis und Nudeln da, wird schon gehen. Nur keine neuen Schulden. Nichts zu Schulden kommen lassen. Vielleicht gibt es ja doch noch irgendwo Hoffnung, vielleicht noch eine Leiter wo man wenigstens die erste Stufe betreten darf. Eine Chance sich als Mensch zu fühlen.

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